Soldaten beim Check eines Verwundetendarstellers

Sanitätssoldat Seidl bei der Ausbildung

Foto: © Bundeswehr / Bundeswehr

„Erzählen ist das eine, selbst Erleben ist doch etwas anderes“

„Ich habe es geschafft“, sagt sich Sanitätssoldatin Silvia Seidl aus dem niederbayerischen Grattersdorf im Landkreis Deggendorf. Zusammen mit 55 anderen Freiwilligen hat die 41-jährige Mutter von drei erwachsenen Kindern im April ihre dreimonatige Grundausbildung bei der 5. Kompanie des Gebirgssanitätsregiments 42 „Allgäu“ in der Kemptener Artilleriekaserne begonnen. 39 Rekruten sind Mitte Juni noch übrig und Seidl gehört dazu.

Im vergangenen Jahr hatte sie sich bei Erzählungen von Freunden ihrer erwachsenen Kinder Ramona (22), Sabrina (20) und Stefan (18) über die Bundeswehr gedacht: „Das schaffe sogar ich! So schlimm kann das doch nicht sein!“ Nachdem sich die Idee im Kopf der Physiotherapieassistentin festgesetzt hatte, war ihr Ehemann Stefan, ein Schreiner, mit dem sie seit 1989 verheiratet ist, zunächst wenig begeistert: „Spinnst du? Was willst du denn da?“ Er selbst hat vor etlichen Jahren seinen Grundwehrdienst beim Panzergrenadierbataillon 112 in Regen abgeleistet. Sie informierte sich aber weiter bei einem Tag der offenen Tür in der Gäubodenkaserne bei Straubing und erkundigte sich beim Wehrdienstberater im Kreiswehrersatzamt Deggendorf über den Freiwilligendienst bei der Bundeswehr.

Beim Sanitätsdienst kann ich etwas lernen, die sportliche Herausforderung reizt mich und bei einem siebenmonatigen freiwilligen Wehrdienst im heimatnahen Feldkirchen muss ich nicht in den Auslandseinsatz. Außerdem wird mir meine Arbeitsstelle freigehalten“, überzeugte sie ihren Mann, den ehemaligen „Bayerwaldgrenadier“, von der Idee.

Ein holpriger Dienstantritt

Als ihr Entschluss im Kollegenkreis bekannt wurde, hat sie sich „x-mal erklären müssen“. So regten sich kurz vor dem Dienstantritt am 2. April Zweifel bei ihr, ob sie es auch wirklich schaffen würde. Aber für die mit fünf älteren Brüdern aufgewachsene, Niederbayerin galt: „Wenn ich einen Entschluss fasse, gebe ich nicht so schnell auf und ziehe es durch!“. Sie fuhr mit einem guten Gefühl und dem Einberufungsbescheid in der Tasche zur Gäubodenkaserne ins nahe Feldkirchen. In einer halben Stunde war sie mit dem Auto da und dachte sich: „Ist ja fast daheim. Wenn etwas ist, kann ich schnell heimfahren.“. Dort angekommen wurde ihr jedoch eröffnet, dass die Grundausbildung nicht in Feldkirchen, sondern in Kempten stattfindet. Die Enttäuschung war groß. Sie wollte heimatnah verwendet werden und wollte überhaupt nicht nach Kempten. Als Freiwillige stand sie jetzt vor der Wahl für drei Monate im Allgäu kaserniert zu werden oder abzubrechen.

Beim Einkaufen in Deggendorf traf sie eine Schwägerin, die noch nichts von ihrem Freiwilligendienst wusste. Beim Erzählen fiel dann die Entscheidung: „Jetzt, da alle Bescheid wissen, musst schon durch. Da kannst nicht abbrechen. Ich mach’s!“. Mit ihrem Mann konnte sie sich leider nicht besprechen, da er beruflich in der Schweiz tätig war. Nachdem Tochter Ramona ihre Mutter Silvia am nächsten Tag in der Gäubodenkaserne abgesetzt hatte, wurde diese mit anderen Rekruten nach Kempten gefahren und lernte eine andere Welt, nämlich die militärische kennen. In der 5. Kompanie des Gebirgssanitätsregiments 42 „Allgäu“ machte sie ihre ersten Schritte als „Frau Sanitätssoldat Seidl“. Sie teilte sich „zusammen mit sechs anderen Mädels“ eine Achter-Stube und fragte sich die ersten Tage in der noch fremden Umgebung: „Was hast du dir angetan?“ Während die ersten Freiwilligen ihren Dienst schon in der ersten Woche abgebrochen haben, hielt sie ihr „Dickkopf“ vom Aufgeben ab.

Familie am Wochenende und Kameraden im Dienst

Am ersten Wochenende zu Hause wurde sie mit Fragen bestürmt. Jedoch hat sie nicht viel erzählt. Der heimische Haushalt hatte während ihrer Abwesenheit gut funktioniert, da sie ja schon vorher Vollzeit gearbeitet hatte. Ihr Mann Stefan fand den Bundeswehrstandort Kempten und das Allgäu mit seinen Bergen ganz toll. Doch schon stand am späten Sonntagnachmittag die rund vierstündige Bahnfahrt nach Kempten wieder an, wo die anwesenden Kameraden schnell wieder die Gedanken von daheim abgelenkt haben. Keiner der jungen Kameraden hat gegenüber der 41-jährigen Vorbehalte geäußert oder sie spüren lassen, dass sie womöglich nicht dazugehört. „Im Gegenteil, ich war von Anfang an dabei, habe mich genauso gefühlt wie die Jungen und habe keine guten Ratschläge gegeben, weil ich älter bin“, beschreibt die dreifache Mutter die Situation im Kameradenkreis und sieht ihr Alter nicht als Problem. Dennoch war Seidl davon überrascht, dass fast alle ihrer Vorgesetzten in der Kompanie jünger sind als sie. Doch auch damit kommt sie klar.

Auch Sanitätssoldaten müssen Schießen können

Als „friedlicher Typ, der vorher nie etwas mit Waffen zu tun gehabt hat“ lernte sie die Handhabung und das Schießen mit dem Gewehr G36 und der Pistole P8 so gut, dass sie sich das erste Lob von einem Oberfeldwebel einheimsen konnte. „Das hat mir gut getan, auch wenn ich selbst nicht der Typ bin, der lobt, was mir mein Sohn, der jetzt das Abitur mit einer zwei vor dem Komma gemacht hat und Chemie in Regensburg studieren will, auch immer wieder vorhält“, reflektiert sie selbstkritisch.

Herausforderung Biwak

Vor dem siebentägigen Ausbildungsbiwak auf dem Standortübungsplatz Bodelsberg hatte sie große Bedenken. Auch wenn sie zu Hause selbst gern in der Natur und im Wald ist, so waren der ständige Schlafmangel und zwei Tage Regen neben dem Ausbildungsprogramm doch sehr fordernd. Ihr wurde bewusst, dass sie trotz ihrer Fitness und Liebe zu körperlichen Herausforderungen im Vergleich zu den jüngeren Kameraden längere Erholungsphasen braucht. Sie war froh als es zu Ende war und hat sich „gefreut als wir in die Kaserne gekommen sind“. Gleichzeitig war ihr nach dem Durchstehen dieses Ausbildungsabschnitts klar, dass sie es so gut wie geschafft hatte.

Erfolgreich und trotzdem bescheiden

Soldaten transportieren einen Verwundeten ab

Ausbildung Verwundetentransport

Foto: © Bundeswehr / Bundeswehr

Nach der Ausbildung zum Wach- und Sicherungssoldaten erfolgte die Sanitätsausbildung, in der Seidl theoretisch und praktisch viel zu lernen hatte. Am Ende stand eine schriftliche und praktische Prüfung. Sie hat damit im Gegensatz zu 16 deutlich jüngeren Rekruten, die vorzeitig abgebrochen haben, die Grundausbildung durchgestanden. „Ich bin schon ins Schnaufen und ins Schwitzen gekommen, aber nie so, dass ich dachte, ich schaffe es nicht mehr“, schildert die von Muskelkater geplagte Frau, die in der immer noch von Männern geprägten Bundeswehr und mit klaren Ansagen gut zurechtkommt: „Kurz und knapp, das passt mir!“ Sie schätzt Ehrlichkeit und das direkte Wort: „Hinten rum ist nicht meines.“ Gleichzeitig bleibt sie bescheiden und sagt: „Man sollte sich selbst nicht so wichtig zu nehmen. Ich selbst als Person bin nicht so wichtig.“

Erste Bilanz

Sie weiß, dass sie noch viel zu lernen hat und zieht dennoch jetzt schon ein erstes positives Resümee in Bezug auf ihre Erwartungen an ihre Bundeswehrdienstzeit: „Ich habe gelernt Verzicht zu üben, Geduld zu beweisen und die Ruhe zu bewahren. Einfache Dinge wie regelmäßiger Schlaf oder zu Duschen, wann man will, weiß ich jetzt mehr zu schätzen“. Allerdings hätte sich die praktisch veranlagte Soldatin mehr Formalausbildung gewünscht, denn „das Marschieren gefällt mir“. Zukünftigen Freiwilligen legt sie ans Herz:

„Grundvoraussetzung sind körperliche Fitness und eine ausgeglichene Psyche, sonst ist es nicht zu schaffen und man ist zum Scheitern verurteilt, egal ob Mann, ob Frau, ob jung, ob alt“.

Zurück in die Heimat

Ende Juni wird Sanitätssoldat Seidl zur 6. Kompanie des Sanitätslehrregiments „Niederbayern“ nach Feldkirchen bei Straubing versetzt und sagt sogar, in dem Bewusstsein, dass damit ein Auslandseinsatz verbunden sein könnte, „wenn’s passt, dann mache ich auch 23 Monate freiwilligen Wehrdienst“. Auch wenn ihr Mann Stefan mit ihrem derzeitigen Dienst einverstanden ist und die drei Kinder stolz auf ihre Mama sind, so sind sie von einem möglichen Einsatz überhaupt nicht begeistert. Eines genießt die 41-jährige Mutter in Uniform schon jetzt. Sie ist beim Männerthema Bundeswehr nicht mehr nur Zuhörerin oder Fragende, sondern kann mitreden: „Ich weiß, wie es ist. Erzählen ist das eine, selbst Erleben ist doch etwas anderes“.

Die Stimmen der Ausbilder

Seit 1. Juli 2009 ist Hauptmann Wolf-Christian Vetter (48 Jahre) Kompaniechef der 5. Kompanie des Gebirgssanitätsregiments 42 „Allgäu“ und Ausbildungsleiter: „Zunächst dachte ich, dass das Geburtsdatum auf der Einberufungsliste falsch sei. Nach nochmaliger Bestätigung habe ich zu Beginn der Grundausbildung mit der Rekrutin Seidl ein Gespräch geführt. Ich machte ihr hier deutlich, dass körperliche Fitness unabdingbar ist. Diese Anforderungen hat sie in vollem Umfang erfüllt“.

Seit Juni führt Oberleutnant Andreas Eben (28 Jahre) den Grundausbildungszug: „Die Anwesenheit von Frau Seidl wirkt sich positiv auf das Klima im Zug aus. Sie ist für ihre jungen Kameraden ein Vorbild an Pflichterfüllung und Disziplin, was mit Sicherheit auf ihre Lebenserfahrung zurückzuführen ist. Ich war von dem Durchhaltevermögen und ihrer starken Psyche beeindruckt. Allerdings könnte die Integration von solch lebensälteren Rekruten in den unmittelbaren Kameradenkreis durch den deutlichen Altersabstand im Allgemeinen erschwert werden“.

Der Gruppenführer Unteroffizier Walter Saar (23 Jahre) ist seit dem 1. Juli 2008 Soldat: „Für mich ist die körperliche Leistungsfähigkeit in der Grundausbildung sehr wichtig. Als Gebirgssanitäter muss man fitter sein als andere, da man nicht nur seine Ausrüstung tragen muss, sondern auch verwundete Kameraden. Ich war zunächst baff, als ich von ihrem Alter hörte, und war unsicher, wie ich mit ihr umgehen sollte. Ich habe mich dann entschlossen, sie wie alle anderen ganz normal zu behandeln. Das hat sich prima bewährt. Sie ist voll und ganz integriert. Im Bezug auf die körperliche Fitness hat sie den jüngeren Kameraden noch was vorgemacht. Auch ihre Lernfähigkeit war beeindruckend. Sie war auch loyal. Es gibt keinen Punkt, der zu kritisieren war“.