Soldaten bei der Schießausbildung

Waffenausbildung Pistole

Foto: © Bundeswehr / Bundeswehr

Einsatz, Ausbildung und Familie

Stabsarzt Annika C. möchte ihre Pflichten erfüllen und zwar ihre familiären und ihre dienstlichen. Das ist nicht immer einfach, dennoch geht die Ärztin in das Kosovo.

Mein Name ist Annika C., ich bin 33 Jahre alt, verheiratet und habe zwei Kinder (sieben und vier Jahre alt). Im Januar 1997 bin ich als Sanitätsoffizieranwärter zur Bundeswehr gekommen, habe an der Westfälischen Wilhelmsuniversität Münster Humanmedizin studiert.

Krankenhausgebäude

Bundeswehrkrankenhaus Ulm

Foto: © Bundeswehr / Bundeswehr

In der Phase vor dem Praktischen Jahr wurden die Kinder geboren. Seit Januar 2008 bin ich Stabsarzt, habe zwei Jahre am Bundeswehrkrankenhaus Ulm in der Abteilung Innere Medizin als Weiterbildungsassistentin der Allgemeinmedizin gearbeitet und bin aktuell seit Februar 2010 im Fachsanitätszentrum Augustdorf als Truppenarzt tätig, bisher noch in Vollzeitanstellung.

Entzerrung

Bereits vor eineinhalb Jahren ist der Wunsch aufgekommen, einen Antrag auf Teilzeitarbeit zu stellen, zum einen um mich selber besser um die Kinder kümmern zu können, zum anderen um die Art der Kinderbetreuung zu entzerren.

Nach meiner Elternzeit gingen beide Kinder in den Kindergarten, zusätzlich hat sich meine Mutter von ihrer Arbeitsstelle beurlauben lassen, um die Zeiten zu überbrücken bis mein Mann oder ich nach Hause kamen.

Neue Schwierigkeiten

Mit dem Umzug nach Ulm ergab sich die Schwierigkeit, dass es für meinen Sohn keinen Kindergartenplatz gab (und es auch keinen Anspruch darauf gab, da er unter 3 Jahre alt war) und meine Tochter nur bis 12 Uhr im Kindergarten betreut werden konnte. Nun hatte meine Mutter einen Vollzeitjob! (Als Nebenbemerkung: Eigentlich wohnt meine Mutter in der Nähe von Hannover zusammen mit meinem Vater. Sie wollte aber gerne die lange Kinderbetreuung nicht in „familienfremde“ Hände geben; wir auch nicht!)

In dieser Zeit wuchs der Wunsch einer Teilzeitbeschäftigung stetig, auch bedingt dadurch, dass ich während der zeitaufwendigen Arbeit im Krankenhaus meine Kinder teilweise bis zu zehn Tage am Stück nicht gesehen hatte, da sie noch schliefen, als ich zur Arbeit fuhr und schon wieder schliefen, wenn ich nach Hause kam. Etwaige 12- und 24-Stunden-Dienste taten ihr übriges.

Familiäre Hilfe

Leider kamen in dieser Zeit berufliche Umbrüche für meinen Mann dazwischen, so dass ich als Vollverdiener zunächst nicht ausfallen durfte. Mittlerweile läuft seit Februar 2010 mein Teilzeitantrag. Da ich mich trotzdem entschieden habe, in den Auslandseinsatz zu gehen, wird für die Dauer des Einsatzes und der vorbereitenden Lehrgänge die Teilzeit jedoch noch ausgesetzt.

Während des Einsatzes wird hauptsächlich meine Mutter die Kinder betreuen, mein Mann ist viel im Außendienst tätig, wodurch er die Betreuung nicht voll abdecken könnte. Mittlerweile geht meine Tochter drei Tage in der Woche in eine offene Ganztagsschule mit Betreuung bis 16.45 Uhr, mein Sohn ist täglich bis 14 Uhr im Kindergarten.

Pflichtbewusstsein

Ich habe mich dazu entschlossen in den Auslandseinsatz zu gehen, um auch meinen Anteil daran abzuleisten, da aktuell bekanntermaßen wenige Ärzte zur Verfügung stehen, die in den Einsatz gehen können und derzeit noch eine gute Betreuungsmöglichkeit für die Kinder besteht.

Hinzu kam, dass mein Einsatz ein guter Einstiegs-Einsatz ist: Ich gehe ab Mai für zwei Monate nach Prizren, KFOR. Dort werde ich in der Medevac-Kompanie eingesetzt.

Kurzfristig vorverlegt

Da ich mich, auf Anfrage durch den Einsatzverband, recht kurzfristig dazu entschieden habe, den ursprünglich für Juli geplanten Einsatz bereits in den Mai zu verlegen, ist meine persönliche Einsatzvorbereitung unkonventionell:
Zunächst habe ich durch unsere Ausbildungsgruppe vom Fachsanitätszentrum einen kurzen Einblick in das Verhalten bei Konvoi-Fahrten (mit Bedienung Funkgerät, Verhalten bei improvised explosive device (IED)-Warnung etc.), ein Rules of Engagement Schießen im Schießsimulator und Erkennung und Meldung von IED erhalten.

Einsatzvorbereitung

Sanitäter bei der Behandlung vieler Verletzter

Großschadensereignis

Foto: © Bundeswehr / Bundeswehr

Dann durfte ich auf meinen Wunsch hin ein Intubationspraktikum an der Karl-Hansen-Klinik in Bad Lippspringe absolvieren. Dieses war ausgezeichnet, da ich erstens ein gern gesehener Gast der Bundeswehr war und weil ich zweitens sehr viel lernen konnte.

Im Anschluss ging es für eine Woche nach Feldkirchen zur Zusatzausbildung für die Einsatzvorbereitende Ausbildung im Rahmen von Konfliktverhütung und Krisenbewältigung (ZEAKK). Hier wurden vor allem KFOR-spezifische Themen angesprochen. Höhepunkt, besonders nach der vielen Therorie, war die MASCAL-Übung, (Massenanfall von Verwundeten) welche einen guten Einblick auf mögliche Geschehen im Einsatz brachte.

Risiko Einsatz

Erst nach dieser Woche nahm ich an der Einsatzausbildung in Seeth teil. Hier wurde viel Wert auf Waffenkunde (sowohl theoretisch als auch praktisch) und praktische Fertigkeiten (z.B. Verwundetenversorgung, Konvoi-Fahrten, Patrouille, Checkpoint, Sprengsatz-Erkennung und -meldung bis hin zum Aufziehen von Gleitketten und Auffrischen der Ausbildung mit Karte und Kompass) gelegt.

Jedem Lehrgangsteilnehmer wurde noch einmal genau aufgezeigt, welche Risiken ein Auslandseinsatz, vor allem in Afghanistan, mit sich bringt. Gleichzeitig wurde aber immer wieder aufgezeigt, welche soldatischen Fertigkeiten gebraucht werden, um diese Risiken zu vermindern. Diese wurden gut in praktischen Übungen trainiert. Wünschenswert wäre aus meiner Sicht allerdings eine bessere Ausstattung der Ausbildungsstätten, auch angepasst an die aktuelle Situation.

Mehr Soldat als Arzt

In diesem Zusammenhang ist es für den Sanitätsdienst beispielsweise auch wichtig, eine Ausbildung am Maschinengewehr oder im Umgang mit scharfen Handgranaten zu erhalten. Dieses wurde zumindest theoretisch in Seeth gemacht. Zusätzlich sollte gerade auch für die Soldaten, die sich noch im Studium oder in der Klinik befinden, eine regelmäßige Waffenausbildung stattfinden.

Stabsarzt Annika C. bei der Waffenausbildung

Ausbildung mit dem Gewehr G36

Foto: © Bundeswehr / Bundeswehr

Insgesamt fühlte ich mich in den vorbereitenden Lehrgängen seit langem wieder mehr als Soldat und weniger als Arzt, auch wenn das bedeutete, durch die Hindernisbahn einige blaue Flecken oder durch den ein oder anderen Verwundetentransport Muskelkater zu bekommen. Aus zeitlichen Gründen konnte ich den für den Einsatz vorgesehenen Medevac-Lehrgang nicht mehr besuchen, ich habe allerdings in meiner Stammeinheit nochmals eine Auffrischung in der Handhabung der verschiedenen medizinischen Geräte erhalten. Insgesamt habe ich so etwa Zerlegen und Zusammensetzen der Pistole P8 fünfeinhalb Wochen einsatzbezogene Ausbildung erhalten, womit ich mich zumindest für einen KFOR-Einsatz grundsätzlich gerüstet fühle.

Zeit für die Familie

Leider musste die Ausbildung doch zeitlich sehr gezwängt werden, so dass ich in dieser Zeit erneut wenig Zeit für die Familie hatte und nun nahtlos in den Einsatz verlege.

Mein großes Ziel für die Zukunft ist es, meine dienstlichen Pflichten zu erfüllen, dabei aber immer meine Familie im Auge zu behalten, so dass meine Kinder später einmal sagen können, dass ich trotz meiner Berufstätigkeit für sie da war und sie ausreichend Zeit mit mir (und ich mit ihnen) verbringen konnten. Dieses wird mir hoffentlich mit der Teilzeitbeschäftigung gelingen.

In der Vergangenheit zu Klinikzeiten musste ich mir leider häufig das Gegenteil von meiner Familie anhören. Und wer möchte das schon?