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Bundeswehr Karriere

Start einer RAM zur Abwehr von Flugkörpern

RAM Start

Foto: © Bundeswehr / Bundeswehr

Showdown im Nordmeer

Drei Schiffe der Deutschen Marine nahmen im April am Flugkörperschießen 
vor der norwegischen Insel Andøya teil.

Das Europäische Nordmeer 300 Kilometer nördlich des Polarkreises: schneebedeckte Berge der Vesterålen soweit das Auge reicht. Hier oben untersuchen Norweger an Forschungsstationen das Polarlicht. Der Wind ist eisig, fünf Grad Wassertemperatur, sieben an der Luft. Im Meer erscheint ab und zu die Fontäne eines Wals.

Hauptgefreiter Cedric Thenagels (25) schwitzt. Es ist ungemütlich heiß unter seiner Flammschutzhaube. Der Helm drückt an den Schläfen, doch das ist er gewohnt. Die Sonne blendet. Trotz der Helligkeit starrt er, wie alle anderen auf der Brücke der Fregatte „Mecklenburg-Vorpommern“, auf den Horizont. Sie warten auf einen kleinen Lichtpunkt. Wie er genau aussieht, wissen die wenigsten.

Nur eine Handvoll der Anwesenden hat ein solches Szenario überhaupt schon einmal erlebt – Flugkörperschießen. Es ist eine Übung, doch sie fühlt sich an wie ein echtes Gefecht. Der Lichtpunkt, auf den alle warten, wird von einer Drohne kommen. Sie simuliert einen Flugkörper, der direkt auf das Schiff zielt und es vollständig zerstören könnte.


Alle Mann auf Gefechtsstation

Ein paar Stunden zuvor donnerte es laut aus der Schiffslautsprecheranlage: “„Alle Mann auf Gefechtsstation!“” Eben noch im Gespräch, rannten die Soldaten plötzlich in alle Richtungen auseinander. Immer koordiniert, niemals panisch, nie zu schnell, aber schnell genug. Ein Automatismus hatte eingesetzt, für Außenstehende fast unheimlich. 

Soldaten bauten provisorische Krankenstationen auf und besetzten die Operationszentrale (OPZ). Im Maschinenraum, im Torpedoraum – überall zog Personal auf. Thenagels huschte geübt durch die engen Gänge des Schiffes. Kameraden verzurrten Dinge des Alltags seefest, damit nichts mehr herunterfallen konnte. Jeder packte mit an. Ketten und Uhren verschwanden in den Hosentaschen. Sieben Minuten später war die komplette Besatzung auf Gefechtsstation.


Gespanntes Warten

Nun steht Thenagels mit rund 20 anderen Soldaten auf der Brücke der Fregatte. Wie alle trägt er seinen Bordgefechtsanzug, Schwimmweste, Gefechtshelm, darunter Antiflash, eine Flammschutzhaube und Flammschutzhandschuhe. Zusätzlich hat er ein Headset auf dem Kopf und zieht ein langes Kabel hinter sich her.

Gefechtsbereitschaft der Brückenbesatzung der Mecklenburg-Vorpommern

Brücke Mecklenburg-Vorpommern

Foto: © Bundeswehr / Bundeswehr

Nach der Vollzähligkeitsüberprüfung befiehlt Navigationsoffizier Stephan Tief (41) Anzugserleichterung. Die Soldaten können Helm und Schwimmweste abnehmen, die Handschuhe ausziehen. Sie haben eine kurze Ruhepause, solange die Sonne frontal und gleißend auf das Schiff trifft und vom Meer zusätzlich reflektiert wird.

Die Lüftung im Schiff ist ausgeschaltet. Sollte es zu einem Einschlag kommen, verteilt sich der Rauch nicht überall. Es wird schnell immer wärmer. Thenagels wartet. Er ist ein Bindeglied zwischen der Brücke und der Weapon Section Base (WSB). Ganz am Rande des Brückengeschehens sitzt er auf einem an der Wand befestigten Klappsitz. Er ist das Auge für seine Vorgesetzten, die in der dunklen, fensterlosen Operationszentrale arbeiten. Sein Platz wird auch „Outstation“ genannt. Unter Deck kümmert er sich sonst als Artillerie- und Handwaffenmechaniker um die Waffen an Bord.

Sollte es im Laufe des Gefechts zu Ausfällen oder Schäden an den Sensoren und Effektoren des Schiffes kommen, gibt er alle notwendigen Informationen der Brücke weiter nach unten in das Schiff. Thenagels meldet sich über sein Headset bei der WSB in der OPZ. Die schießenden Anlagen werden ein letztes Mal getestet. Schließlich meldet er: „Keine Fehler und Ausstellungen: Station klar zum Gefecht.”


Drohnen und Schokoriegel

„Zehn Minuten bis Drohnenstart“ lautet die Durchsage. „Wer die Drohne als Erster sieht, bekommt von mir einen Schokoriegel”, scherzt Kapitänleutnant Stephan Tief. Er ist ein alter Hase, was das Flugkörperschießen angeht. Das fünfte oder sechste Mal ist er dabei, genau weiß er es schon nicht mehr.

Abschuss einer Rakete Typ Sea Sparrow

Abwehrrakete Sea Sparrow

Foto: © Bundeswehr / Bundeswehr

Er kennt das Gefühl der Erleichterung, wenn alles gut geht, die Systeme funktionieren und ein Angriff erfolgreich abgewehrt wird. Als Stationsleiter überwacht er die Abläufe auf der Brücke sowie den Seeraum und gibt Befehle aus der OPZ weiter. Tief sorgt auch dafür, dass das Schiff im richtigen Moment an der richtigen Position steht. 

Im Ernstfall läge es an ihm und seinen Befehlen, dass das Schiff bei einem Angriff durch entsprechende Manöver möglichst wenig Rückstrahlfläche für das gegnerische Radar bietet. Auf einmal geht es wieder sehr schnell. „Air Warning Red!“ tönt es aus den Lautsprechern. Lampen blinken, ein schriller Klingelton lässt die Gespräche verstummen. Tief befiehlt, den Gefechtsanzug wieder herzustellen und die Sicherheitsschalter der Waffensysteme umzulegen. Die Soldaten reagieren sofort. Dann wenden sich die Blicke den Fenstern zu: Die Drohne ist gestartet.


In der Operationszentrale

Im Inneren des Schiffes, in der OpZ, steuern die Soldaten die Sensoren und Effektoren des Schiffs, mit denen Bedrohungen nicht nur erfasst, sondern auch zerstört werden können. Das heutige Szenario haben sie in den vergangenen Wochen intensiv geübt. Jetzt simulieren sie den Ernstfall.

Abschuss einer Drohne über hoher See

Abschuss einer Drohne

Foto: © Bundeswehr / Bundeswehr

Oberbootsmann Fabian Mann (25) sitzt seit Stunden an seiner Konsole. Er ist Elektronischer Kampfmeister der Fregatte und seit 2013 an Bord. Mann beobachtet das Radarbild vor ihm, plötzlich taucht ein gelber Punkt auf. Etwas ist auf dem Weg zum Schiff. Er beobachtet die Ausstrahlungen der Erscheinung.

Sie ist 20 Meilen vom Schiff entfernt, da färbt sich der Punkt plötzlich rot: Das Objekt wurde identifiziert. Seine Entfernung, Geschwindigkeit und Richtung erfasst das Schiffsradar. Für den Oberbootsmann bedeutet das, es handelt sich um eine Bedrohung für das Schiff, auf die er schießen darf. Die Brücke wird laufend informiert. Wie weit ist die Drohne entfernt? Aus welcher Richtung kommt sie? Wann ist sie „on top“, also über dem Schiff? Alle Blicke richten sich nach Backbord.

Der Spannung kann sich selbst ein altgefahrener Navigationsoffizier wie Tief nicht entziehen. Es wird mucksmäuschenstill. Auch Thenagels sucht gespannt den Horizont ab. Der Einsatzleiter der OPZ gibt derweil dem Oberbootsmann Mann den Befehl, den Starter der Rolling Airframe Missiles (RAM) feuerbereit zu machen. Bei zwölf Meilen Entfernung geht das Radar der Drohne an, die letzte Voraussetzung für das Abfeuern der RAM wurde erfüllt.


Der große Knall

Die Drohne ist schnell, sie nähert sich mit über 500 Stundenkilometern. Bei sechs Meilen Entfernung bekommt Mann den Befehl, feuerbereit zu sein. Die gewaltige RAM-Anlage, die direkt vor der Brücke platziert ist, dreht nach backbord. Das entgeht auch der Brückenbesatzung nicht. Jetzt wissen alle, es ist so weit. In diesem Moment entdeckt der Navigationsoffizier die Drohne.

Korvette Oldenburg

Korvette Oldenburg

Foto: © Bundeswehr / Bundeswehr

Über die Funkverbindung mit der OPZ hört man, wie der Kommandant die Feuererlaubnis erteilt. Der Einsatzleiter gibt den Feuerbefehl an Oberbootsmann Mann weiter. Der drückt auf einen Knopf. Das System fragt ihn: „Sind Sie sicher?“ – Mann bestätigt. Sofort feuert der RAM-Werfer mit einem gewaltigen Knall. Ein langer Feuerschweif schießt aus der Anlage, und innerhalb von Sekundenbruchteilen startet die Abwehrrakete.

Auf der Brücke machen die Soldaten erstaunte, erschrockene und ernste Gesichter. Für einen Moment ist draußen alles in dichten, schwarzen Rauch gehüllt. Als die Wolke sich verzieht, drängen alle an die Scheiben. Der Flugkörper zieht einen schwarzen Schweif hinter sich her, die Drohne leuchtet weiß. Ein heller, großer Feuerball begleitet schließlich den Treffer weit über dem Meer. Mann lässt die RAM-Anlage wieder in die Ausgangsposition schwenken, dreht den Waffenschlüssel zurück. Kapitänleutnant Tief lässt alle Sicherheitsschalter wieder zurücklegen, die OPZ hat jetzt keinen Zugriff mehr darauf.

Thenagels ist stolz, dass seine Anlagen so funktioniert haben, wie sie sollen. „Die gewaltige Wucht beim Abschuss der RAM-Anlage ist der Wahnsinn”, sagt er begeistert. Die Bedrohung wurde erfolgreich bekämpft. Innerhalb von Sekunden war alles vorbei. Auch die Stille. Alle reden durcheinander, sind erleichtert, voller Adrenalin. Das wochenlange Training hat sich ausgezahlt. Die Besatzung wird gestärkt aus dieser Übung herausgehen, mit der Gewissheit, dass sie sich auf Mensch und Maschine verlassen kann, wenn es ernst wird.

Bis zum nächsten Drohnenstart werden knapp zwei Stunden vergehen. Kapitänleutnant Tief genießt seinen verdienten Schokoriegel, die Besatzung nutzt die Gelegenheit für eine Kuchenpause am Seemannssonntag. Mit Marinetraditionen wird auch im Gefecht ungern gebrochen. Danach heißt es wieder: „Alle Mann auf Gefechtsstation!“


Geschütze
Die Fregatten sind mit einem vollautomatischen 76-Millimeter- Geschütz ausgerüstet, das gegen Ziele in der Luft, an Land und auf dem Wasser eingesetzt werden kann. Zusätzlich sind zwei Marineleichtgeschütze im Kaliber 27 Millimeter an Bord montiert.
Sea Lynx
Für den Kampf gegen feindliche Uboote hat die Fregatte der Brandenburg-Klasse zwei Sea-Lynx-Hubschrauber an Bord. Sie suchen die Uboote mit ihrem Sonar und bekämpfen sie mit Torpedos, die außen am Hubschrauber befestigt werden.
Flugkörper
Neben den beiden Startern für die RAM gibt es noch die senkrechtstartenden Raketen vom Typ Sea Sparrow und SM-2 zur Luftabwehr. Gegen feindliche Schiffe kommen vor allem Exocet-und Harpoon-Lenkflugkörper zum Einsatz.