Mach, was wirklich zählt.

Zwei Soldaten sitzen im Cockpit eines Hubschraubersimulators
Aussenansicht eines kugelförmigen Flugsimulators

Die massiven Hydraulikstützen vermitteln ein sehr realitätsnahes Erlebnis

Foto: © Bundeswehr / Susanne Hähnel

Digitales Fliegen - Simulatoren erleichtern die Ausbildung

Wenn die Flugschüler im Simulator „vom Boden abheben“, gibt es quasi nichts, was nicht dargestellt werden kann. Dank der Hydraulikstelzen und modernster Computertechnik sind die Simulatoren so realistisch, dass sie einen großen Teil der fliegerischen Ausbildung übernehmen.


Ein Pilot fliegt in einem Hubschraubersimulator

​Formationsflug über dem Thüringer Wald

Foto: © Bundeswehr / Susanne Hähnel

Wir stehen bei strahlendem Sonnenschein auf einem Hubschrauberlandeplatz im Thüringer Wald. Mein Pilot setzt seinen Helm auf und gibt einige kurze Funksprüche ab. Dann dreht er einige Knöpfe, verstellt kleine Rädchen, bedient die Bildschirme vor sich und drückt die Schubhebel nach vorne. Ich höre, wie die Turbinen langsam hochfahren, und sehe, wie sich über der Kanzel die sechs Rotorblätter immer schneller drehen. Es scheint, als hätte er das schon Tausende Male gemacht. Oberstleutnant Andreas Grün ist Fluglehrer im Hubschraubergeschwader 64. „Ich fliege seit über 30 Jahren und kann tatsächlich nicht abschätzen, wie oft ich schon in die Luft gestiegen bin.“ Nach einem weiteren Funkspruch zeigt er mir den ausgestreckten Daumen und signalisiert mir damit, dass wir startklar sind.

Portraitfoto eines Piloten, der im Simulator sitzt

Simuliert oder im „echten“ Hubschrauber: Fluglehrer Andreas Grün hat nach über 30 Jahren unzählige Flüge hinter sich.

Foto: © Bundeswehr / Susanne Hähnel

Ich ziehe am linken Steuerknüppel der CH-53 und spüre, wie sie langsam abhebt. Bei einer Höhe von 100 Fuß (ca. 30 Meter), drücke ich den mittleren Steuerknüppel leicht nach vorne und fliege dem Horizont entgegen. Die Geräusche, die Vibrationen im Sitz, mein Gleichgewichtssinn im Ohr und meine Augen sagen mir: „Wir werden immer schneller!“ In Wirklichkeit bewegen wir uns keinen Zentimeter vom Fleck. Wir sind immer noch im Internationalen Hubschrauber-Ausbildungszentrum in Bückeburg und sitzen in einem der modernsten Flugsimulatoren, die es gibt. Hier befinden sich die CH-53-Simulatoren, die durch die Luftwaffe zur Aus- und Weiterbildung ihrer Besatzungen in verschiedenen Varianten genutzt werden.


In Bückeburg zum Übungsflug über dem Thüringer Wald

Auf sechs massiven Hydraulikstelzen bewegt sich der Simulator in alle erdenklichen Richtungen. Auf der Innenseite der Kuppel hat die Leinwand einen Radius von 3,65 Metern. Auf dem Sichtfeld von 240 Grad Breite und 90 Grad Höhe strahlen acht Hochleistungsprojektoren die Landschaft des Thüringer Waldes auf die Leinwand. Zwischen Hochspannungsleitungen, Schornsteinen und Windkraftanlagen werden sogar kleine Dörfer, Bäche und einzelne Bäume grafisch dargestellt. Ganz Deutschland ist in der Datenbank des Simulators gespeichert. Bundeswehrstandorte mit Landeplätzen haben eine noch höhere Auflösung. Fluglehrer Andreas Grün übernimmt wieder die Kontrolle und fliegt mit einer weiteren CH-53 GA in Formation. Die Flugmanöver des anderen Hubschraubers werden aber nicht vom Computer erzeugt. In einem weiteren der 14 Bückeburger Simulatoren sitzen zwei Piloten, deren Flug eins zu eins auf unsere Leinwand übertragen wird.


Fliegen wird zur Nebensache

Ein Monitorbild zeigt, was im Cockpitsimulator passiert

Am Bildschirm können die Ausbilder genau beobachten, was im Cockpit passiert.

Foto: © Bundeswehr / Susanne Hähnel

Die Simulatoren im Ausbildungszentrum sind miteinander vernetzt und greifen auf eine gemeinsame Datenbank zurück. So können zum Beispiel gemeinsame Luftoperationen von Hubschraubern in Echtzeit simuliert werden. Zukünftig sollen alle Simulatoren der Luftwaffe über die gleiche Datenbank verfügen. Dann könnten gemeinsame Missionen zwischen den Hubschrauber-Simulatoren in Bückeburg und den Eurofighter-Simulatoren aus Rostock/Laage geflogen werden. Neben dem reinen Fliegen lernen die Flugschüler, wie man mit dem Hubschrauber operiert - also wie man sich in der Luft taktisch bewegt. „Das Fliegen geht in Fleisch und Blut über, es wird zur Nebensache“, sagt Fluglehrer Grün: „Alle anderen Abläufe, die ein Pilot beherrschen muss, sind deutlich komplizierter.“

Die angehenden Piloten lernen, mit Bodenstationen und anderen Luftfahrzeugen zu funken, in Formation mehrerer Hubschrauber zu fliegen und das richtige Verhalten im Einsatz. Mit einem Restlichtverstärker in Form einer Nachtsichtbrille kann der Simulator sogar Nachtflüge simulieren. Ebenso üben die Flugschüler, was im realen Leben nicht denkbar wäre. Zum Beispiel die Abwehr- und Ausweichmanöver bei Raketenbeschuss oder Gefechtssituationen im elektronischen Kampf. Gefährliche Situationen werden dadurch völlig gefahrlos für den Ernstfall geübt.


Big Brother im Cockpit

Die Schaltzentrale des Simulators mit mehreren Monitoren und Schalterleisten

An der Bedienkonsole können die Ausbilder jede denkbare Situation künstlich erzeugen

Foto: © Bundeswehr / Susanne Hähnel

Alles was sich dabei im Simulator-Cockpit abspielt, verfolgen die Ausbilder an einer Bedienkonsole. Kameras zeichnen jedes Wort und jede Bewegung auf. Dadurch kann das Verhalten der Flugschüler im Nachhinein ausgewertet und ein Flugmanöver beliebig oft wiederholt werden. An der Konsole steuern die Fluglehrer Wetter, Tageszeit und den Ort an dem geflogen wird. Ebenso kann nahezu jede denkbare Störung und Gefahrensituation eingespielt werden.

Dabei ist das Ausbildungszentrum nicht immer auf die gleichen Hubschraubertypen angewiesen. Durch ein tauschbares System kann das eingebaute Cockpit ausgebaut und gegen das eines anderen Hubschraubers ausgetauscht werden. Derzeit wird in den Simulatoren der Luftwaffe nur das fliegende Personal ausgebildet. Zukünftig ist geplant, dass auch andere Crewmitglieder in die Ausbildung eingebunden werden. So könnte ein Bordschütze über eine visuelle Brille das gleiche Gelände wie der Pilot angezeigt bekommen. Das würde auch taktische Verfahren mit den sogenannten door-gunnern trainierbar machen.


Aller Anfang ist schwer

Ein schwarz-weiss Foto eines alten Flugsimulators

Bevor die Flugschüler in den echten Hubschrauber durften, mussten sie einige Stunden im Bodentrainer üben.

Foto: © Bundeswehr / Hubschraubermuseum Bückeburg (Archiv)

Flugsimulatoren sparen nicht nur enorm viel Geld. Beim simulierten Flug kann jedes denkbare Szenario zeit- und wetterunabhängig geübt werden. Deswegen nutzt die Luftwaffe bereits seit den fünfziger Jahren verschiedene Simulatoren und Trainer für die fliegerische Ausbildung. Einer der ersten war der „Heli-Trainer“ BO -102. Ein stationäres Übungsgerät, das entweder auf einem Schwimmer oder einem Drehgestell montiert wurde. Innerhalb begrenzter Anschläge konnte sich der „Heli-Trainer“ auf dem Drehgestell nur in kleine Höhen bewegen und um die Hochachse drehen. Auf dem Schwimmer konnte er sogar Roll- und Längsneigungen „fliegen“. Ebenso waren Bewegungen nach vorne, hinten und zur Seite möglich. So wurden freie Flüge in ungefährlichen Höhen simuliert. Der einrotorige Bodentrainer hatte einen Dreizylinder-Zweitaktmotor mit 40 PS.

Ein alter Hubschraubersimulator mit verdunkelten Scheiben zum Üben von Blindflügen

Im Blindflugsimulator übten junge Piloten die Verfahren bei schlechter Sicht.

Foto: © Bundeswehr / Hubschraubermuseum Bückeburg (Archiv)

Eine Redewendung der Piloten hat sich im Laufe der Zeit nicht geändert: „Es gibt Tage, da gehen sogar die Vögel zu Fuß.“ Ebenso wenig ändert sich die Tatsache, dass ein Pilot für solche Schlechtwettertage den Blindflug beherrschen muss. Für die Ausbildung auf der Bell UH-1D, die Mitte der 60er Jahre eingeführt wurde, nutzten die Luftwaffe und das Heer den Blindflugsimulator. Ohne Sicht nach außen lernten die Flugschüler den Instrumentenflug. Sinnestäuschungen, die durch Fehlmeldungen des Gleichgewichtsorgans entstehen, müssen die Piloten ausschalten. Sie können nur dem künstlichen Horizont und den anderen Instrumenten vertrauen. Schon damals war es Pflicht, einmal jährlich für eine Woche in Bückeburg den Instrumentenflug aufzufrischen. Dadurch lernen die Piloten noch heute, wie ein Hubschrauber geflogen wird.

Meine erste Landung

Ein Soldat sitzt am Schaltknüppel eines Hubschraubersimulators

Geschafft – Mit etwas Hilfe habe ich die CH-53 unfallfrei landen können

Foto: © Bundeswehr / Susanne Hähnel

Doch erstmal muss ich meine CH-53 GA auf einer Wiese im Thüringer Wald landen. Dazu muss ich die Fußpedale und beide Steuerknüppel in Einklang bringen. Jeder kennt die Koordinationsübung, sich mit einer Hand auf den Kopf zu klopfen und mit der anderen auf dem Bauch Kreise zu drehen. Versuchen Sie das mal im Sitzen und schreiben gleichzeitig mit den Füßen eine sinnbildliche Acht in die Luft. Währenddessen unterhalten Sie sich in einer Fremdsprache mit anderen Leuten und verarbeiten gedanklich unzählige Zahlen auf den Bildschirmen vor sich. Gar nicht so einfach, oder?

Zwei Soldaten stehen im Kontrollraum eines Hubschraubersimulators

Aus Sicht der Ausbilder, zeigt mir Andreas Grün noch die Wiese, auf der ich gelandet bin

Foto: © Bundeswehr / Susanne Hähnel




Selbst auf minimale Bewegungen am Steuerknüppel reagiert der schwere Transporthubschrauber empfindlich. Nicht wie in den schnellen Bildwechseln eines Action-Films, bei denen der Pilot den Steuerknüppel wie einen Kochlöffel im Kessel weit hin und her reisst. Beim dritten Versuch, mit etwas Hilfe des Fluglehrers, bringe ich den Hubschrauber sicher zu Boden. „Für das erste Mal gar nicht so schlecht“, bewertet Oberstleutnant Grün meine Landung. Beim Aussteigen aus dem Simulator bin ich mit einem Schritt wieder zurück in Bückeburg.



Vor- und Nachteile von Flugsimulatoren
VorteileNachteile
  • Zu jeder Zeit kann jede Tages- oder Nachtzeit simuliert werden
  • Keine G-Kräfte am Körper spürbar
  • Es kann wetterunabhängig trainiert werden
  • Simulatorausbildung kann die Ausbildung am realen Luftfahrzeug nie komplett ersetzen
  • Enorme Kostenersparnis
  • Gefährliche Situationen können gefahrlos trainiert werden
  • Jede Situation kann beliebig oft wiederholt werden
  • Es entstehen keine Betriebsstunden und somit keine teuren Wartungsintervalle am Luftfahrzeug
  • Umweltfreundlicher
  • Bessere Vorbereitung der Piloten für den Ernstfall
  • Flugstunden zum Lizenzerhalt möglich
  • Piloten können auch trainieren, wenn kein Flugzeug zur Verfügung steht
  • „Roll on – roll off Simulatoren“ können mit verschiedenen Cockpits bestückt werden

  • Autor: Philipp Rabe