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Der Schützenpanzer Puma steht feuerbereit auf der Schießbahn

Feuerbereit! Alles wartet auf den ersten Testabschuss.

Foto: Bundeswehr / Neumann

Am langen Draht: Der Milan-Nachfolger MELLS im Test

An der Wehrtechnischen Dienststelle 91 in Meppen wird alles getestet, was in der Bundeswehr mit Schießen zu tun hat. Auch das Panzerabwehrsystem MELLS, das die Milan ablösen soll.

„3,2,1 - Feuer!“ – Ein Knall hallt über die Wiese. Hinter dem Schützenpanzer Puma quillt Rauch auf. Mit einem Zischen schießt ein Lenkflugkörper aus dem Doppelwerfer. Zwei, drei Meter vor dem Panzer knallt es erneut: Eine dünne Rauchspur hinter sich lassend, verschwindet der Lenkflugkörper Richtung Horizont.


Wir sind auf dem Gelände der Wehrtechnischen Dienststelle (WTD) 91 in Meppen. Im Auftrag des Bundesamts für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr erproben die zivilen Experten der WTD hier den Lenkflugkörper MELLS. Hinter der Abkürzung für die sperrige Bezeichnung „Mehrrollenfähiges leichtes Lenkflugkörpersystem“ verbirgt sich eine Hightech-Waffe zur Panzerabwehr.

Schon 2012 in kleiner Stückzahl eingeführt, soll sie schrittweise das ältere Milan-System ablösen, das 1973 in Serie ging. Auf dem Testprogramm in Meppen steht die Integration des MELLS in den neuen Schützenpanzer Puma. Neben umfangreichen Prüfungen der einzelnen Komponenten gehört auch der scharfe Schuss dazu. Vier Lenkflugkörper sollen heute auf Entfernungen von bis zu vier Kilometern verschossen werden.

Ein Lenkflugkörper Typ MELLS wird abgeschossen und entfernt sich vom abschießenden PUMA

Abgefeuert: Drahtgelenkt macht sich MELLS auf den Weg ins Ziel.

Foto: Bundeswehr / Neumann

„Feuer frei“ 

Bevor es losgeht, bereiten die Waffenexperten ihre Messtechnik vor. Hochgeschwindigkeitskameras werden den Start des Lenkflugkörpers dokumentieren, zudem wird die Flugbahn durch spezielle optische Messmittel verfolgt. Auch Ingenieure beteiligter Rüstungsunternehmen sind auf der Schießbahn.

Im Inneren des Schützenpanzers Puma bereitet sich die dreiköpfige Besatzung auf das Schießen vor. Sie besteht ausschließlich aus zivilen Mitarbeitern der WTD. Den Puma kennen sie gut. „Ich habe einige Tausend Schuss mit der Maschinenkanone verschossen“, sagt Mareike van der Zee. Die 29-jährige Industriemechanikerin wird als Waffenbedienerin heute auch die Lenkflugkörper verschießen. „Ein bisschen aufgeregt bin ich auf jeden Fall, auch wenn wir das Ganze im Simulator gründlich geübt haben.“

Die zivile Mitarbeiterin  Mareike van der Zee nimmt die Funktion des Richtschützen wahr und feuert den Lenkflugkörper ab

Am Drücker: Mareike van der Zee hat mehr Erfahrung mit dem Puma als mancher Richtschütze.

Foto: Bundeswehr / Neumann

Sehen, was der Flugkörper „sieht“

Anders als beim Vorgängersystem Milan auf dem Schützenpanzer Marder ist MELLS direkt ins System des Puma integriert. „Ich sehe auf dem Monitor, was der Lenkflugkörper sieht“, erklärt van der Zee eine der Besonderheiten des modernen Lenkflugkörpers. In der Spitze der Waffe befindet sich eine Kamera. Ein Glasfaserkabel, das sich während des Fluges entrollt, überträgt deren Bilder direkt an den Schützen. So kann dieser die Waffe mit den joystickähnlichen Bedienelementen des Puma direkt ins Ziel lenken. „Das braucht aber viel Fingerspitzengefühl“, sagt van der Zee.

„Versuchsleitung für Puma, Feuerbereitschaft herstellen“, kommt das Kommando aus dem Funkgerät. Vor jedem Schuss auf der Schießbahn der Wehrtechnischen Dienststelle in Meppen werden die umliegenden Straßen mittels ferngesteuerter Ampeln und Schranken gesperrt. LED-Tafeln informieren über die voraussichtliche Dauer der Sperrung. Erst wenn sichergestellt ist, dass sich niemand mehr im Gefahrenbereich aufhält, darf geschossen werden.

Das Ziel, das van der Zee auf ihrem Monitor anvisiert, ist heute kein Kampfpanzer, sondern ein schwarz-weiß gemustertes Rechteck. Auf den Funkbefehl der Versuchsleitung im nahen Schutzraum feuert sie den Lenkflugkörper ab. Nach wenigen Sekunden ist die Waffe nicht mehr zu sehen.

Ein ziviler Techniker der Wehrtechnischen Dienststelle überprüft einen außen am Panzer angebrachten Mess-Sensor.

Eingebaut: Präzise Messtechnik überwacht das Erprobungsschießen.

Foto: Bundeswehr / Neumann

Volltreffer – im zweiten Versuch

Wenige Minuten später haben sich die Teilnehmer an der Erprobung hinter dem Puma versammelt und werten den ersten Schuss aus. „Der Lenkflugkörper hat nicht sauber auf meine Steuereingaben reagiert und ist viel zu tief geflogen“, berichtet van der Zee. Auch der Versuchsleiter ist nicht zufrieden. Durch die niedrige Flugbahn konnte die Waffe nicht von den optischen Messmitteln erfasst werden. „Wir bereiten alles für den nächsten Schuss vor“, entscheidet der Versuchsleiter.

Die Besatzung verschwindet wieder im Puma, die Ingenieure im Schutzraum. Auf ihren Monitoren sehen sie hier alles, was auch die Puma-Besatzung sieht. Zusätzlich überträgt das System Telemetrie- und sonstige Daten direkt auf die Laptops der Waffenexperten. „Drei, zwei, eins – Feuer!“ – Dieses Mal geht alles glatt. Der Lenkflugkörper schlägt mitten im Ziel ein. Die Beteiligten sind zufrieden: Die monatelange Vorbereitung hat sich ausgezahlt.

Feuern, Vergessen und Weiterfahren

Das Erprobungsschießen ist aber noch nicht beendet. Mit den beiden verbliebenen Schüssen soll eine weitere Fähigkeit von MELLS getestet werden: Anders als ihr Vorgänger, kann die Waffe auch selbsttätig ihr Ziel ansteuern. „Ich muss dem Lenkflugkörper nur zeigen, was er bekämpfen soll. Die Steuerung übernimmt der Computer“, erklärt van der Zee. Diese sogenannte Fire-and-Forget-Fähigkeit ermöglicht es, dass der Puma unmittelbar nach dem Schuss die Stellung wechseln kann.

Zuerst sieht alles gut aus, aber nach einigen Sekunden beginnt das Bild auf dem Monitor zu wackeln – irgendetwas stimmt nicht. „Deswegen heißt es Erprobung“, murmelt einer der Versuchsingenieure halblaut. Sie müssen nun alle Daten auswerten, um den Fehler beheben zu können. Erst dann ist die Erprobung abgeschlossen. Schließlich soll das System in der Truppe einwandfrei funktionieren.

Autor: Björn Lenz