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CSI Bundeswehr

Kampfmittelabwehr Detonation eines Sprengsatzes.

Hier geht es zum Video

Ein Soldat beleuchtet einen Gegenstand unterm Mikroskop

Mittels hochauflösender Fotografie werden visuelle Untersuchungen am Beweisstück durchgeführt

Foto: © Bundeswehr / Carsten Vennemann

CSI Bundeswehr: Auswertung von Beweismitteln

Ob Autobomben, Selbstmordattentate oder versteckt auf Straßen oder in Gebäuden: Behelfsmäßigen Spreng- und Brandvorrichtungen sind heimtückisch, fast unsichtbar und effektiv. Überall auf der Welt, vor allem in Krisenregionen, fordern sie Todesopfer. Auch militärische Akteure wie die Bundeswehr sehen sich solchen Angriffen ausgesetzt, betrachten sie mitunter sogar als größte Gefahr für Soldaten. Die Bundeswehr verfolgt daher die Strategie, IED-Anschläge möglichst bereits im Vorfeld zu verhindern oder zu erschweren.


Dieses als Counter-IED bezeichnete Konzept wurde von der NATO entworfen und auch für die Bundeswehr verbindlich festgelegt. Im Amt für Heeresentwicklung (AHEntwg) wird Counter-IED in enger Zusammenarbeit mit der NATO und nationalen Dienststellen weiterentwickelt. "Die taktische Wirkung von IEDs ist mitunter enorm. Das zeigen die langwierigen Rückeroberungen irakischer oder syrischer Städte vom Islamischen Staat“, erklärt Markus Lischka. Der 50-Jährige ist Angehöriger der Abteilung Counter-IED im AHEntwg. "Bei der Rückeroberung der vom IS besetzten Stadt Marawi auf den Philippinen benötigte ein Bataillon der Regierungstruppen allein einen Monat, um eine Straße zu überqueren“, so Lischka. Der Grund: Zahllose versteckte IEDs, die zunächst mühsam beseitigt oder geräumt werden mussten. Modell aus drei Säulen: Das Konzept Counter-IED geht jedoch weit über das bloße Beseitigen von IEDs und damit der unmittelbaren Gefahr für Leib und Leben hinaus. Vielmehr handelt es sich um eine ganzheitliche, ressortübergreifende Herangehensweise. Die NATO hat dafür ein Modell aus drei Säulen entwickelt, das auch in der Bundeswehr umgesetzt wird.


Eine Frau hälte eine Plastiktüte mit Kabeln

Eingehende Beweismittel werden zuvor auf mögliches Gefährdungspotenzial überprüft.

Foto: © Bundeswehr / Carsten Vennemann

Erste Säule: „Attack the Networks”

Der wichtigste Pfeiler in dem Konzept nennt sich "Attack the Networks“. Er zielt darauf ab, die Strukturen hinter den IED-Angriffen zu entschlüsseln. „Welche Materialien wurden wie, wo, wann und durch wen genutzt? Was war das Ziel des Angriffs und wer könnte davon profitieren oder geschwächt werden? Wir versuchen Antworten auf diese Fragen zu finden“, erklärt Lischka.

In Kombination mit Mitteln des militärischen Nachrichtenwesens und anderen Quellen können wir dadurch das Verhalten des Gegners studieren, Hintermänner identifizieren und größere Netzwerke aufdecken – mit dem Ziel, geeignete Gegenmaßnahmen einzuleiten.“Bei diesen Maßnahmen handele es sich auch, aber nicht nur um das Ausschalten von Einzelpersonen oder Gruppen, beispielsweise Personen, die Material bereitstellen oder Kämpfer rekrutieren. "Genauso wichtig ist es zu erreichen, dass die Bevölkerung vor Ort den Netzwerken die Unterstützung entzieht. Lehnen die Menschen den Einsatz von IEDs ab, wird er für den Gegner kontraproduktiv“, erklärt Lischka.

Jemand hält einen Draht mit einer befestigten Wäscheklammer in den Händen.

Ein Forensiker untersucht einen sichergestellten improvisierten Zündkontakt.

Foto: © Bundeswehr / Carsten Vennemann

Hier kämen Mittel der Diplomatie oder der Wirtschafts- und Industriepolitik in Betracht. Alle Maßnahmen haben das Ziel, die Anzahl von IED-Angriffen zu verringern. In den USA und Großbritannien ist das Konzept etabliert und erfolgreich. "Die Briten konnten ihre Verluste durch IED-Angriffe halbieren“, konstatiert Lischka. Einen wichtigen Beitrag zur Informationsgewinnung im Bereich "Attack the Networks“ leisten sogenannte Weapons Intelligence Teams (WIT). Diese meist aus vier Soldaten bestehenden Feldauswerte-Teams übernehmen die professionelle und im Idealfall gerichtsverwertbare Spurensicherung am Anschlagsort. "Die Bundeswehr hat sich gegenüber der NATO verpflichtet, bis zu sieben WIT zur Verfügung zu stellen, die im Einsatzgebiet nach IED-Angriffen tätig werden“, sagt Oberst Thorsten Ludwig, Leiter der Abteilung Counter-IED im AHEntwg. "Wir bilden diese WIT in Stetten am kalten Markt aus.“

Zweite Säule: Optimal auf den Ernstfall vorbereiten

Das führt direkt zur zweiten Säule im Konzept Counter-IED: "Prepare the Force“. Hier geht es darum, Wissen, Knowhow und Expertise durch Lehrgänge und Ausbildungen zu vermitteln und die WIT so optimal auf den Ernstfall vorzubereiten. Dazu zählt auch die Kompetenz, das bei der Spurensicherung gesammelte Beweismaterial im Labor auszuwerten. "Hierfür gibt es eine Ausbildungseinrichtung im niederländischen Soesterberg, an der neben Deutschland auch andere europäische Partner beteiligt sind“, sagt Oberst Ludwig. Auch damit werde eine NATO-Forderung erfüllt. Im Einsatz erfolgt die Laborauswertung vor Ort. "Mit der Wehrtechnischen Dienststelle 91 in Meppen hat die Bundeswehr zudem die Möglichkeit, Spuren auf einer technisch-wissenschaftlichen Ebene auszuwerten“, ergänzt Ludwig. So könne die Ausrüstung weiterentwickelt und der Schutz der Soldaten im Einsatz verbessert werden.


Ein Koffer voller Metallröhren

Mit moderner Technik werden Hand- und Fingerspuren sowie DNA-Spuren auf Fund und Beweisstücken erfasst.

Foto: © Bundeswehr / Carsten Vennemann

Dritte Säule: Aufspüren und beseitigen

Die dritte Säule im Konzept, "Defeat the Device“, bezeichnet schließlich das klassische Aufspüren und Beseitigen von platzierten IEDs, um Menschen vor akuten Gefahren zu schützen. "Alle drei Eckpfeiler, ‚Prepare the Force‘, ‚Attack the Networks‘ und ‚Defeat the Device‘, stützen das Gesamtsystem Counter-IED”, sagt Ludwig. Seit dem Anschlag auf einen Bus in Afghanistan im Sommer 2003, dem vier deutsche Soldaten zum Opfer fielen, beschäftige sich die Bundeswehr intensiv mit dem Thema. Zunächst habe man sich auf die Fähigkeiten anderer Nationen abstützen müssen. "Doch mittlerweile haben wir beachtliche Kapazitäten aufgebaut und uns eigene Expertise angeeignet“, so Ludwig. "Wir werden nicht nachlassen, unsere Soldaten in den Einsatzgebieten vor IED-Angriffen zu schützen.“

Autor: Stefan Rentzsch