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Mach, was wirklich zählt.

Mach, was wirklich zählt.

In der Wüste Arizonas verbessern Hund und Herrchen ihre Beziehung.

Ein eIngespieltes Team.

Foto: © Bundeswehr / Jana Neumann

Freifaller mit vier Pfoten

Furchtsam dürfen die Diensthunde des Kommandos Spezialkräfte (KSK) nicht sein: sie werden beispielsweise im Fastroping aus Helikoptern abgesetzt und auch beim Freifallspringen in Arizona sind sie stets an der Seite ihres Diensthundeführers. Malinois Diego absolviert beim Training in den USA bereits seinen zehnten Sprung als Kommandoangehöriger.

Der Schatten rund um den unauffälligen Dodge wirkt bei 30 Grad Celsius sehr einladend. Doch wütendes Bellen aus dem Auto erinnert daran, warum die Schiebetür des Vans den ganzen Tag offen bleibt. Es ist vorübergehend das Revier von Diego. Und der Malinois mag keinen unangemeldeten Besuch.

In Begleitung seines Hundeführers Hauptfeldwebel Marc W. (Name geändert) sieht das anders aus. Dann zeigt sich Diego von seiner charmanten Seite. Marc ist Diensthundeführer beim Kommando Spezialkräfte (KSK). Der 35-jährige Kommandosoldat hat, wie alle seine Kameraden, verschiedene Spezialisierungen durchlaufen. Die Ausbildung zum Hundeführer kommt dann noch „on top“. „Für Diego bin ich seit 2013 zuständig“, sagt er und krault dem sechsjährigen Rüden den Kopf. „Malinois sind eine Variante des Belgischen Schäferhundes. Sehr dynamische und lernwillige Tiere. Die wollen immer arbeiten“, erklärt der Hauptfeldwebel weiter. „Deshalb sind sie auch erste Wahl für den Einsatz bei Spezialkräften.“


Auch wenn der Hund es normalerweise nicht gut findet wenn er keinen Kontakt zum Boden hat. Vertraut er dennoch seinem Herrchen.

Zwischen Herr und Hund ist eine besondere Vertrauensbasis.

Foto: © Bundeswehr / Jana Neumann

Internationalen Weltspitze

Der Bedarf an Diensthunden für das KSK wurde bald nach Gründung des Verbandes erkannt. „Die Einsatzrealität hatte gezeigt, dass solche Tiere erforderlich sind“, sagt Marc. Seit 2008 integrieren die Calwer ihre vierbeinigen Kameraden im Hundezug der 5. Einsatzkräfte KSK. Aufbauhilfe kam aus der Bundeswehr und von den Spezialkräften anderer Staaten. Vor allem aus den USA. Seither haben die Deutschen eigene Einsatzmuster entwickelt und zählen heute zur internationalen Weltspitze im Bereich Diensthunde für Special Operation Forces (SOF).

Stillstand verbietet sich von selbst. „Das ist ein dynamischer Prozess“, erklärt Marc. „Wir stehen ständig im Austausch mit Kommandoeinheiten aus verbündeten Ländern und entwickeln unsere Einsatzverfahren gemeinsam weiter.“

Bis heute stammt der Nachwuchs an Diensthunden für das KSK aus der Diensthundeschule der Bundeswehr in Ulmen – auch Diego. „Die Grundausbildung dort dauert acht Monate“, erklärt Marc. Schon in Ulmen findet eine strenge Auslese statt. Denn an einen „Kommando-Hund“ werden besonders hohe Anforderungen gestellt. „Die Tiere müssen sehr belastbar sein, ein gutes Sozialverhalten aufweisen, gefestigt und selbstbewusst auftreten“, sagt Marc. Im Alter von etwa zwei Jahren kommen die Tiere dann zur Spezialausbildung nach Calw. Vorher werden sie an der Diensthundeschule schon in den Grundlagen ausgebildet.


Im Flugzeug werden Hund und Herrchen verbunden so das beide S

Der Diensthund wird im Geschirr sicher an sein Herrschen gekoppelt.

Foto: @ Bundeswehr / Jana Neumann

Unter Stress funktionieren

In Ulmen, an der Schule, gilt eine Besonderheit: Die Tiere werden zum dualen Spür- und Schutzhund ausgebildet. Üblich ist sonst nur eine dieser Ausbildungsfacetten. Das Training orientiert sich strikt an den Bedürfnissen der Truppe. So müssen die Hunde in den verschiedensten Klimazonen zurechtkommen. Sie werden so trainiert, dass sie auf jedwede Art transportiert werden können.

„Die Tiere dürfen nicht ängstlich sein und müssen im Einsatz auf alles vorbereitet sein. Ob Wüste, Gebirge oder Dschungel. Unsere Diensthunde landen mit uns amphibisch, wenn es erforderlich ist. Sie werden im Fast-Roping aus Helikoptern abgesetzt und natürlich springen sie auch mit uns am Fallschirm ab“, zählt der Hundeführer auf. Für die Tiere gibt es ein Spezialgeschirr, in dem sie als Tandem mit dem Hundeführer aus der Maschine gehen. Erst, wenn die Vierbeiner diese anspruchsvolle Ausbildung bestanden haben, sind sie offiziell „Zugriffsdiensthunde KSK“. Nicht alle schaffen das. Diegos Vorgänger bei Marc etwa war dem Stress nicht gewachsen. „Im Training immer klasse, aber unter Einsatzbedingungen hat er nicht funktioniert“, sagt Marc.

Keine 50 Meter entfernt werden jetzt die Motoren des Absetzflugzeuges, einer betagten Short Skyvan, angeworfen. Es dröhnt und stinkt gewaltig, aber Diego sieht nicht verängstigt aus. Er sitzt ruhig neben Marc und verfolgt aufmerksam das Geschehen. Der Hundeführer prüft schnell die Ohren des Rüden. „Bei großer Hitze werden die innen knallrot. Ein untrügliches Zeichen für drohende Überhitzung“, sagt der Hundeführer. Bislang ist aber alles in Ordnung, trotz einer Umgebungstemperatur von 30 Grad.


Soldat und vierbeiener sind sicher gelandet und schauen den anderen beim Sprung zu.

In Arizona ist die Übungsumgebung optimal.

Foto: © Bundeswehr / Jana Neumann

Eingespieltes Team

Im Einsatz dienen die Hunde primär dem Schutz der Kommandosoldaten. Road Search, also das Vorausspüren auf Wegen, ist ein brisanter Auftrag. „Die Hunde finden versteckte Sprengfallen. Und sie können in unübersichtlichem Gelände auch gegnerische Kräfte anzeigen.“

Weil die Tiere ständig mit ihrer Kompanie unterwegs sind, sind sie mit deren taktischem Verhalten, Bewegungsmustern und vor allem dem „Stallgeruch“ vertraut. „Im Einsatzfall können die Tiere den Gegner so klar von unseren Leuten unterscheiden“, sagt Marc. Das ist etwa dann wichtig, wenn die Kommandosoldaten ein Objekt stürmen, bei dem mit erhöhtem Widerstand zu rechnen ist. „Wir schicken die Hunde voran“, sagt Marc. „Die suchen die Räume nach Gegnern ab. Wegen ihrer Agilität sind sie nur schwer zu bekämpfen und das kann uns einen entscheidenden Vorteil verschaffen.“

Natürlich ist das gefährlich. „Gegner werden ohne Zögern angegriffen. Verletzungen oder der Tod der Tiere sind im Einsatz ein reales Risiko“, sagt Marc. Dieser Gedanke lässt den Kommandosoldaten keineswegs kalt. „Schließlich verbringen wir Hundeführer extrem viel Zeit mit den Tieren. Die Bindung ist also sehr stark. Aber wir können es uns nicht leisten, sie zu vermenschlichen.“ Der Erfolg einer Mission und die Sicherheit der Kameraden stehen immer im Vordergrund. Sollte der Hundeführer im Einsatz ausfallen, bietet sich sein Diensthund einem anderen aus dem „Rudel“ an. Jeder Kommandosoldat des Trupps kann Diego übernehmen und zum Einsatz bringen. Das wird so trainiert.


Ein Diensthund in der Wüste

Ein Diensthund in der Wüste

Foto: Marc Tessensohn

Vierbeiniger Routinier

Solange ein Diensthund fit ist, bleibt er in Calw und wohnt bei seinem Hundeführer. Das ist ganz ähnlich wie bei Diensthunden in anderen Sicherheitsbehörden. Wenn die Tiere irgendwann zu alt für den anstrengenden Dienst sind, werden sie in der Regel in gute Hände vermittelt. Alternativ bleibt ihnen natürlich auch ihre „Pension“ an der Diensthundeschule.

„Und wenn sie sich mit dem neuen Hund ihres alten Herrchens vertragen, können sie sogar dort bleiben“, sagt Marc und gibt Diego kaum hörbar ein Kommando. Sofort federt der Malinois hoch und schaut erwartungsvoll zu seinem Chef. Dann geht es zur Skyvan. Heute steht die taktische Verbringung im Sprungeinsatzverfahren an. Diego scheint es kaum erwarten zu können. Ungeduldig zieht er an seiner Arbeitsweste. Kaum eine halbe Stunde später legt er in seinem Spezialgeschirr eine erstklassige Landung mit Marc hin. Es war bereits sein zehnter Sprung beim KSK. 

Autor: Markus Tiedke