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Guardian Angel: Schutzengel mit Feuerkraft

Ein mit einem Sturmgewehr bewaffneter Soldat steht vor einer Bürotür Wache

Schützen und Sichern: Das sind die Aufgaben der Guardian Angel. (Quelle: Bundeswehr/Jana Neumann)

Foto: Bundeswehr/Jana Neumann

Guardian Angel: Schutzengel mit Feuerkraft

Guardian Angel beschützen Personen auf Schritt und Tritt. Eine Unaufmerksamkeit ihrerseits kann in eine Katastrophe münden. In Afghanistan übernehmen deutsche Soldaten diese verantwortungsvolle Position.

Es ist früher Morgen im deutschen Feldlager in Masar-i Scharif. Die Sonne ist gerade hinter dem Marmal-Gebirge aufgegangen, Rock­musik schallt leise aus einem der gepanzerten Fahrzeuge über den Platz. Die Bundeswehrsoldaten der multinationalen Force-Protection-Kompanie bereiten ihre Fahrzeuge vor. Drei Soldaten stechen aus dem 3-Farb-Flecktarn der Deutschen hervor. Die beiden Schweden und ihr kroatischer Kamerad sind der Grund, weswegen die Panzergrenadiere aus Augustdorf heute das deutsche Feldlager verlassen.


Auftrag der Guardian Angel: Sicherung

„Unser Auftrag ist es, die drei Berater bei ihrer Arbeit im Camp Pamir zu sichern“, erklärt Zugführer Oberleutnant Thomas Busch. Jeder der Berater, auch Adviser genannt, wird während seines Aufenthalts in der Polizeikaserne auf Schritt und Tritt von einem Guardian Angel (dt. eigentlich „Schutzengel“, militärisch: Nahsicherer) begleitet. „So soll das Risiko eines Anschlags durch einen afghanischen Innentäter verringert werden“, erläutert Busch.

Routiniert prüft Oberstabsgefreiter Mario Knappe seine Ausrüstung. Weste, Munitionstaschen, Sanitäts­material, Funkgerät und natürlich Lang- und Kurzwaffe – da kommt einiges an Gewicht zusammen. „Voll beladen bringe ich gut 136 Kilogramm auf die Waage“, sagt Knappe. Seit Januar ist der 24-Jährige in Afghanistan, seitdem ist es bereits sein achter Einsatz als Guardian Angel. „Natürlich ist das etwas ganz anderes, als was wir als Grenadiere normalerweise machen, aber trotzdem viel Infanterie-Standardhandwerk.“

Ein Offiizier weißt seine vor den Fahrzeugen im Halbkreis angetretenen Soldaten in die Aufgaben des Tages ein

Bevor es losgeht, bekommen die Soldaten eine genaue Einweisung.

Foto: Bundeswehr/Jana Neumann

Bedrohung durch Sprengfallen ist allgegenwärtig

Bereits am Vorabend hat der Zugführer bei seiner Befehlsausgabe alle Details des heutigen Tages besprochen. Bevor es losgeht, wiederholt Oberleutnant Busch nochmals das Wichtigste. „Wir bringen heute Morgen Passagiere ins Camp Pamir. Marschreihenfolge wie besprochen, Abstände außerhalb 50 bis 100 Meter.“ Insgesamt besteht die Kolonne aus sechs geschützten Fahrzeugen: drei Dingos, zwei gepanzerte Wölfe und ein Enok. Mit drei fernbedienbaren Waffenstationen und einem Maschinengewehr auf Ringlafette ist der Konvoi für eventuelle Angriffe gut gerüstet.

„Echo an alle: Motoren an“, befiehlt der Zugführer über Funk. Los geht’s. Außerhalb des Feldlagers sind improvisierte Sprengfallen die größte Bedrohung für die deutschen Soldaten und ihre Kameraden aus Schweden und Kroatien. Aufmerksam blickt Oberstabsgefreiter Knappe durch das staubige, mehrere Zentimeter dicke Sicherheitsglas des Dingos. „Mein Beobachtungsbereich ist die rechte Seite des Fahrzeugs“, erklärt er. Neben ihm sitzt der Richtschütze der fernbedienbaren leichten Waffenstation. Den Blick auf den Flachbildschirm gerichtet, steuert er Waffe und Optik mit einem Joystick zwischen den Sitzen.

Ein gepanzertes Fahrzeug in Wüstentarnfarbe fährt über eine öffentliche Straße in Kabul.

Die Kolonne, bestehend aus sechs geschützten Fahrzeugen, auf dem Weg ins Camp Pamir

Foto: Bundeswehr/Jana Neumann

Höchste Konzentration

Draußen tauchen Lehmmauern zwischen Freiflächen auf – der Konvoi hat die Außenbezirke von Masar-i Scharif erreicht. Mit jedem Meter Richtung Stadt­zentrum nimmt der Verkehr zu, schnell wird das Gewimmel unübersichtlich. „Echo an alle: Abstände verkürzen, bei Einfahrt in Kreisel taktisch fahren“, kommt es aus dem Funkgerät. Das bedeutet: Beide Spuren der Straße werden ausgenutzt, um die deutschen Fahrzeuge so zu positionieren, dass sich kein anderes Vehikel dazwischen quetschen kann. Von den Fahrern verlangt das höchste Aufmerksamkeit – und immer wieder den beherzten Einsatz der Hupe.

„Save Haven” im Inneren von Camp Pamir

Einige Minuten später erreicht der Konvoi das afghanische Camp Pamir. In der Kaserne mitten in Masar-i Scharif sind vor allem Einheiten der afghanischen Nationalpolizei untergebracht. Langsam umkurvt der Dingo eine Reihe von Fahrzeugsperren vor dem Haupttor des Lagers. „Vor ein paar Monaten hat hier eine Sprengfalle einen Polizeioffizier getroffen“, berichtet der Fahrzeugkommandant. Kurze Zeit später hält der Dingo vor dem „Save Haven“, dem sicheren Hafen.

Diesen mit Betonmauern gesicherten Bereich im Inneren der Kaserne dürfen nur NATO-Angehörige betreten. „Sobald der Save Haven durchsucht ist, ziehen die Kleinfahrzeuge dort unter“, befiehlt der Zugführer per Funk. Bevor der Rest der Gruppe absitzen darf, machen sich zwei Soldaten an den „5/25“: Zuerst wird der Bereich bis auf fünf Meter Entfernung nach möglichen Sprengfallen abgesucht, danach wird die Suche auf 25 Meter ausgedehnt. Währenddessen sichern die Bordschützen mit ihren Waffenstationen die beiden Kameraden.

Ein Soldat beobachtet durch das Seitenfenster des gepanzerten Fahrzeuges die Zivilisten am Straßenrand

Unter genauer Beobachtung: Denn die Bedrohung, beispielsweise durch Sprengfallen, ist allgegenwärtig.

Foto: Bundeswehr/Jana Neumann

Stets präsent

Alles ist in Ordnung – wenig später sammelt sich der Zug im Safe Haven. Während einige Soldaten das Gelände beobachten, bespricht Zugführer Oberleutnant Busch die letzten Details mit seinen Guardian Angels. „Playtime ist von 08.30 bis 11.30 Uhr“, sagt er. So lange haben die Adviser heute Zeit. Die beiden schwedischen Soldaten haben unterdessen erst einmal Kaffee aufgesetzt. Für sie ist der Ablauf Routine. Drei- bis viermal pro Woche sind sie hier in Camp Pamir bei ihren afghanischen Counterparts. Bevor es losgeht, müssen noch die einheimischen Übersetzer von den deutschen Soldaten durchsucht werden.

Oberstabsgefreiter Mario Knappe und der kroatische Adviser haben heute keinen langen Weg. Der Berater wird mit einem afghanischen Kameraden in dessen Büro sprechen, das sich nur wenige Gebäude entfernt befindet. Ein kurzer Fußmarsch, dann klopft der Kroate an die Bürotür. Knappe hält sich im Hintergrund, bleibt aber stets aufmerksam. Statt wie sonst mit ins Büro zu kommen, bezieht er heute Stellung vor der Bürotür. „Das besprechen wir immer vor jedem Einsatz mit dem Adviser“, erklärt er. Im engen Büro wäre zu wenig Platz. Letzten Endes ist es auch immer ein Vertrauensbeweis den Afghanen gegenüber, wenn der Guardian Angel vor der Tür bleibt.

Ein Guardian Angel befindet sich mit mehren afghanischen Zivilisten in einem Besprechungsraum

Die Soldaten sind hoch konzentriert, auch wenn die Besprechungen mal etwas länger dauern.

Foto: Bundeswehr/Jana Neumann

„Alles gut gegangen, alles ruhig geblieben“

„Manche Besprechungen sind auf fünf Minuten angesetzt und dauern dann anderthalb Stunden“, sagt Knappe. Für ihn kommt es jetzt darauf an, trotz aller Langeweile aufmerksam zu bleiben. Besondere Schwierigkeit heute: Das Gebäude wird gerade renoviert, auf dem Gang bewegen sich neben Polizisten auch noch Handwerker. Alle paar Minuten meldet sich der Guardian Angel per Funk beim Zugführer im Safe Haven. Knappe: „Wir wissen, welche Punkte im Gebäude besonders wichtig sind und worauf wir bei Personen achten müssen.“

Zäh verrinnen die Minuten. Der 24-Jährige ist das Warten gewohnt – zu Hause in Augustdorf ist der Zeitsoldat Teil der Scharfschützengruppe seiner Kompanie. Die Stimmen hinter der Tür nähern sich – die Besprechung ist beendet. Es geht zurück in den Safe Haven, wo die beiden schwedischen Berater schon warten.

Der Weg zurück nach Camp Marmal führt diesmal durch die Stadt – unregelmäßiges Wechseln der Routen soll es möglichen Gegnern schwerer machen, einen Hinterhalt zu planen. „Alles gut gegangen, alles ruhig geblieben“, zieht Guardian Angel Knappe Bilanz. Ohne ihn und seine Kameraden der Force Protection wäre der Auftrag der Adviser nicht durchführbar. Die Guardian Angels leisten gute Arbeit: Ihre Zahl im Camp soll erhöht werden.

Autor: Björn Lenz