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Als Spezialistin beim KSK

Auf alle Klimaregionen sind die Soldaten vom KSK vorbereitet, egal ob die klirrende Kälte Nordnorwegens oder die Hitze Arizonas.
Soldatin mit Fallschirmausrüstung.

Bereit zum militärischen Freifallspringen.

Foto: © Bundeswehr / Jana Neumann

Als Spezialistin beim KSK 

Erna ist kein Kommandosoldat light. Sie ist eher eine Art spezialisierte Kräfte, integriert ins Kommando Spezialkräfte der Bundeswehr. Sie ist Teil einer engen kameradschaftlichen Gemeinschaft. Anerkannt und geschätzt bei den Kommandos.



Erna sitzt in der Hotellobby. Rücken zur Wand, Blick zur Tür. Eine junge Frau mit schräg geschnittenen Haaren, braunen Augen in einem herzförmigen Gesicht, dunkelblondem Haar und athletischer Figur. Ihre Arme sind mit blauen Flecken übersät, die Hände an den Knöcheln aufgeplatzt und verschorft. An ihrer Oberlippe blühen Stressbläschen. Sie sieht müde aus.

"Wir machen hier seit zwei Wochen Sprungausbildung“, sagt sie knapp. Das bedeutet, morgens um drei Uhr aus den Federn. Dann geht’s im Auto eine halbe Stunde durch die Wüste von Arizona auf den Sprungplatz. Nach dem Anlegen der Ausrüstung wird gesprungen. Bis zu sechs Mal täglich Freifallsprungausbildung.
Das ist körperlich anstrengend und nicht ohne Risiko. Jeder muss permanent zu einhundert Prozent fokussiert sein. Am Nachmittag folgen Debriefing und Nachbereitung der persönlichen Ausrüstung. Im Hotel treiben Erna und ihre Kameraden meist noch Sport bevor sie in die Koje gehen. Vermutlich sind das sogar ruhige Tage für jemanden aus Calw.

Frauen für besondere Verwendungen

Heute fällt der Sport für Erna allerdings aus. "Beim letzten Sprung hatte ich einen Fahrstuhl“, sagt sie. Und meint: Sie hat zu stark an ihren Steuerleinen gezogen. Dabei verliert der Schirm abrupt an Fahrt und es geht direkt nach unten – Fahrstuhl eben. Die Sicherheitslandung auf dem Steiß war schmerzhaft, der Ausbilder hatte Erna zunächst gegen ihren Willen rausgenommen.
Morgen will sie wieder springen, obwohl sie kaum sitzen kann. Ab und an zuckt es kurz in ihrem Gesicht, wenn sie die Körperhaltung ändert. Der Hintern schmerzt. Aber sie lässt sich nichts anmerken. "Alles gut. Das meiste ist Kopfsache“, sagt die junge Frau und lächelt.

Erna heißt in Wirklichkeit anders. Ihren richtigen Namen nennt die 33-Jährige nicht. Sie ist Hauptfeldwebel beim Kommando Spezialkräfte (KSK). Das Alias dient ihrem Schutz, wenn sie für Deutschland in den Einsatz geht. Sie ist keine Kommandosoldatin, wie sie selbst betont. "Aber sie wird als Spezialistin und auf Augenhöhe im Team mit Kommandos eingesetzt“, erläutert ein Oberstleutnant, der hier Alexander Richter heißen soll. Der drahtige Mittfünfziger ist von Anfang an beim KSK, seit 1996. "Und die Auswertung vieler unserer Einsätze hat ergeben, dass wir in Calw Frauen für besondere Verwendungen brauchen“, sagt er. "Nicht zum Türeintreten, sondern als Spezialisten.“

Soldatin auf Wiese mit ihrem Fallschirm.

Gesprungen wird Tag und Nacht.

Foto: © Bundeswehr / Jana Neumann

Eigenes Programm für Frauen

In muslimischen Ländern ist eine körperliche Durchsuchung und Befragung von Frauen durch Männer indiskutabel. "Damit schafft man sich Todfeinde“, sagt Richter. In Afghanistan behalf sich das KSK zeitweise damit, Soldatinnen anderer Truppengattungen für bestimmte Einsätze "auszuborgen“. Das war aber nicht unproblematisch. Seien es die Art der Verbringung, der taktische Hintergrund oder auch die körperliche Leistungsfähigkeit. "Den damals eingesetzten Soldatinnen fehlte auf vielen Ebenen die nötige Ausbildung, um bei den Einsätzen der Kommandosoldaten mitzuhalten. Also brauchten die Kameradinnen selbst Schutz. Schwierig. Aber ohne die Frauen ging es auch nicht.“

Eine ernste Fähigkeitslücke. Mitte 2012 beginnt deshalb ein Pilotprojekt in Calw. "Wir haben ein eigenes Programm für Frauen gestartet“, sagt Richter. Eine der ersten Soldatinnen, die sich meldeten, war Erna. Sie war da schon seit sechs Jahren Soldatin. "Eigentlich wollte ich gleich nach der Schule zur Bundeswehr. Aber meine Eltern waren dagegen.“ Erst eine Ausbildung und anschließend ein Jahr im Job. Das war der Deal. Nach dem Abschluss und genau einem Jahr im Beruf kündigt die junge Frau und rückt ein. Konsequent.

Kopfsache

Ihre Grundausbildung erhält Erna in Pfullendorf. Nach ein paar Jahren ist sie Funkfernspähfeldwebel und wird zu den Fernmeldern des KSK nach Calw versetzt – Unterstützungskräfte der deutschen Kommandos. Aber sie will selbst Kommandosoldatin sein, am besten die erste überhaupt. Erna ist passionierte Langstreckenläuferin, sie boxt, klettert und schwimmt gern. Doch der harte Leistungstest für Kommandosoldaten ist eine Herausforderung.

"Wir suchen Frauen mit einer sehr hohen physischen Widerstandsfähigkeit“, sagt Richter. "Der Dienstgrad ist nicht entscheidend. Aber wir setzen persönliche Reife voraus. Die Soldatin soll mit beiden Beinen im Leben stehen. Außerdem müssen die Bewerberinnen intellektuell und kognitiv auf einem hohen Niveau agieren.“ Geprüft wird das alles in einem Testverfahren, bei dem zunächst die "Trainierbarkeit“ der Soldatinnen geprüft wird. "Für die Frauen, die bestanden haben, beginnt danach ein zehnwöchiges Programm, in dem sie systematisch auf die Eignungsprüfung vorbereitet werden. Daran schließt sich ein weiterer Test an“, erklärt Richter. Wer besteht, wird in die Ausbildung zum Aufklärungsfeldwebel Spezialkräfte übernommen.

Erna hat alle Testverfahren bestanden. "Während der anschließenden Ausbildung kann man aber auch noch durchfallen. Neben den körperlichen und geistigen Fähigkeiten geht es vor allem um Charakter“, sagt sie. Wie verhält sich jemand unter Druck, bei Schlafmangel und ohne Essen? "Hält die Persönlichkeit stand, bleibt die Soldatin teamfähig und ruhig? Kann sie mit Kritik umgehen oder wird sie zickig“, fragt Erna und grinst. "Wie gesagt, der Wille. Kopfsache.“

Soldatin packt ihren Fallschirm.

Vorbereitung für den nächsten Sprung.

Foto: © Bundeswehr / Jana Neumann

Kein Kommandosoldat light

Am Ende liegt die Entscheidung bei einem Auswahlgremium. Die verbliebenen Soldatinnen erhalten eine einjährige Basisausbildung, die sie befähigt, Einsätze Seite an Seite mit den Kommandosoldaten zu absolvieren. Die Ausbildung beinhaltet unter anderem Kommandotaktiken, diverse Verbringungsarten, eine besondere Schießausbildung, vertiefte infanteristische Elemente und eine umfängliche Sanitätskomponente.
Außerdem werden die Frauen einer Überlebensausbildung nach dem Vorbild des SERE-Training (Survival, Evade, Resistance and Escape) unterzogen. Erst darauf folgt die Spezialisierungsausbildung.




"Wir investieren mehr als zwei Jahre in diese Ausbildung, um die Frauen auf ihren Auftrag vorzubereiten. Nicht viele der Kandidatinnen schaffen es so weit“, sagt Richter. Nicht alle Stellen in Calw sind besetzt. "Der Bedarf ist da.“
Wer es schafft, wird Teil einer engen kameradschaftlichen Gemeinschaft. "Kein Kommandosoldat light. Eher eine Art spezialisierte Kräfte, integriert ins KSK“, wie Richter das formuliert. Anerkannt und geschätzt bei den Kommandos.

Soldatin überprüft ihren Fallschirm.

Jeder Handgriff sitzt.

Foto: © Bundeswehr / Jana Neumann

Ein dickes Fell hilft

Durchsetzungsvermögen und Zähigkeit sind immer gefragt. "Mein Standing in der Truppe musste ich mir erarbeiten. Und das hört nie auf, weil man ja dieses hohe Level halten muss.“Das betrifft natürlich jeden Soldaten in Calw. Aber ein wenig speziell ist die Situation für Frauen doch. "Wenn einer der Männer mal einen Fehler macht, geht das in der Masse unter. Meine Fehler werden eher gesehen“, sagt Erna. Ein dickes Fell ist da hilfreich.

Die Härten des Dienstes sind beträchtlich. Körperlich sowieso, aber auch persönlich. "Das Privatleben kommt zu kurz. Ich bin im Schnitt 250 Tage im Jahr unterwegs. Wir stehen oft auf Abruf für den Einsatz. Unter diesen Umständen ist ein Kind für mich keine Option“, sagt Erna. Das Kommando würde familiär vieles ermöglichen, ist sie sicher. "Aber schwanger geht eben keine in den Einsatz. Und ich habe Jahre auf meinen Status hingearbeitet. Das würde ich jetzt nicht riskieren. Diese Entscheidung muss jeder für sich treffen. Aber ich will das so.“

Beim Handschlag zum Abschied zeigt Erna perfekt manikürte Nägel an ihren zerschundenen Händen. Sie fängt den Blick auf. "Ich verkleide mich nicht als Mann. Ich bin eine Frau, auch beim KSK“, sagt sie und lächelt.

Autor: Markus Tiedke