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Drei Soldaten knieen mit erhobenen Händen auf einer Waldlichtung und warten auf die Personenüberprüfung
Ein Soldat liegt in seinem Zelt und beobachtet ein kleines Lagerfeuer

Das Feuerholz hat Henkel bereits in seinem kleinen Zelt. So bleibt es trocken und er muss bei Nacht nicht unnötig aufstehen.

Foto: Luftwaffe / Oliver Pieper

Kämpfen ist das Eine, überleben was ganz Anderes – Der Lehrgang SERE Bravo

Schlafmangel, Kälte, Dauerregen. Beim SERE-Lehrgang Level B stoßen die Soldaten an ihre Grenzen. Auf dem Truppenübungsplatz in Altengrabow lernen sie, wie sie sich verhalten müssen, wenn sie im Krisengebiet ganz auf sich allein gestellt sind.

Die Temperaturen sind knapp über null Grad. Schlafsäcke gibt es nicht. Dustin Lersch und Steven Henkel liegen bei Nacht in ihren selbstgebauten Unterschlupf. Kleine provisorische Zelte, bestehend aus je einer Plane und einer Rettungsdecke. „Da drin haben wir ein kleines Feuer. Die Rettungsdecke reflektiert so viel Wärme, da kann man fast ohne Hose schlafen. 

Wenn man schläft, geht aber das Feuer aus. Wir mussten also die ganze Nacht wach bleiben“, erklärt Steven Henkel nach der ersten Nacht im Freien. Die beiden Stabsunteroffiziere sind Feldwebelanwärter und nehmen an einem speziellen Überlebenslehrgang teil.

Ein Soldat kniet vor einer Zeltplane und kontrolliert im Beisein eines anderen Soldaten seine Ausrüstung auf Vollzähligkeit

Es ist genau vorgeschrieben, was die Lehrgangsteilnehmer dabei haben dürfen. Die Ausbilder kontrollieren jede Tasche.

Foto: Luftwaffe / Oliver Pieper

SERE – Es geht ums Überleben

Ausrichter des Lehrgangs ist das Objektschutzregiment „Friesland“ aus Schortens. Auf dem Truppenübungsplatz Altengrabow lernen 28 Luftwaffensoldaten die Dinge, von denen nur selten in den Medien berichtet wird. Diese sind aber ebenso wichtig, wie eine gute Schießausbildung. Beim Lehrgang SERE B geht es unter anderem um Versteckbau, Orientieren und um das Überleben in der Natur. Außerdem lernen die Soldaten sich richtig zu Verhalten bei Gefangennahme, eventueller Flucht und die Aufnahme durch eigene Kräfte.

SERE steht für Survival, Evasion, Resistance and Escape. Also das Training vom Überleben, Ausweichen, Wiederstand und Flucht. Auf dem Dienstplan steht also alles vom Feuermachen bis zum Verhalten in Verhörsituationen. „Im Ernstfall müssen die Soldaten unter extremen Stress klar denken und überleben“, erklärt Stabsfeldwebel Stefan Neumann. „Je härter die Ausbildung, desto besser sind die Männer für den Einsatz vorbereitet.“ Deswegen haben Neumann und seine Ausbilder während des achttägigen Lehrgangs so viele realistische Szenarien wie möglich organisiert.

Ein Soldat baut im Dunkeln, nur mit seiner Stirnlampe als Lichtquelle im Wald ein Behelfszelt auf

Zum Aufbau bleibt nur wenig Zeit. Trotzdem muss das Behelfszelt bei Wind und Regen standhalten.

Foto: Luftwaffe / Oliver Pieper

Die Woche beginnt im Unterrichtsraum – sie endet im Hubschrauber

Anreise ist Montagmittag auf dem Übungsplatz. Dann geht es für die Lehrgangsteilnehmer erstmal in den Unterrichtsraum. Ein Großteil der Soldaten, vom Obergefreiten bis zum Oberleutnant, kommt von den Objektschützern. Weitere sind aus verschiedenen fliegenden Verbänden der Luftwaffe. „Der Lehrgang ist für besonders gefährdetes Personal“, erklärt Neumann, „hier lernen die Soldaten, worauf es ankommt, wen das schlimmste passiert: Also zum Beispiel ein Hubschrauberabsturz hinter feindlichen Linien“

Bis Donnerstag folgen weitere Unterrichte, zumeist aber praktische Ausbildung. An den Stationen ging es dabei immer um die Kernpunkte von SERE. „Wir lernen orientieren mit GPS-Geräten, Feuermachen, Wassergewinnung, bauen einer Notunterkunft, wie wir Nahrung aus der Natur finden und die Aufnahmeverfahren mit Rettungskräften“, beschreibt Stabsunteroffizier Lersch den umfangreichen Lehrplan. „Bei den ersten Versuchen ist alles etwas ungewohnt. Aber wir können viel voneinander lernen und werden immer besser“, fügt er hinzu. Bis dahin schliefen die 28 Lehrgangsteilnehmer auch noch in den festen Gebäuden des Übungsplatzes.

Zwei Soldaten versuchen mit Flint und Stahl ein Feuer zu entfachen

Feuer machen will gelernt sein. Mit dem richtigen Zunder klappt es auch bei Nässe.

Foto: Luftwaffe / Oliver Pieper

Von der Theorie in die Praxis

Abends mussten die ersten Kenntnisse direkt angewendet werden. „Jeder von uns musste sein eigenen Unterschlupf bauen und ausreichend Feuerholz sammeln“, erklärt Dustin Lersch. „Wir hatten die Auflage, dass das Feuer durchgängig brennen muss. Bei den Temperaturen knapp über Null wäre es ohne Feuer und Schlafsack auch zu kalt.“

Der nächste Morgen ist für die Ausbilder aufschlussreich. Bereits in den Gesichtern der Lehrgangsteilnehmer lässt sich erkennen, wer Feuer hatte und wer nicht. „Wer das hier nicht durchhält muss gehen“, sagt Stabsfeldwebel Neumann. Der erfahrene Ausbilder ist auch Führer der AMPT-Kräfte im heimischen Schortens. Das sind spezialisierte Kräfte, die für die Sicherheit von Mensch und Material bei Flügen in unsichere Gebiete verantwortlich sind.

Henkel und Lersch knieen am Waldrand auf dem Boden und lassen sich von einem Kameraden durchsuchen um aufgenommen zu werden.

Henkel und Lersch sind übermüdet und durchgenässt. Trotzdem darf bei der Aufnahme durch das Personnel-Recovery-Team nichts schief gehen. Der Ablauf erfordert hohe Konzentration bis zum Schluss.

Foto: Luftwaffe / Oliver Pieper

Überleben bis Hilfe ankommt

Auch die Folgetage werden zur Zerreisprobe für Henkel, Lersch und deren Kameraden. Es wird ihnen gezeigt, wie sie sich bei Geisel- und Gefangennahme verhalten müssen. Zusätzlich wurde immer wieder geübt, wie das Ausweichen nach einem Absturz und Aufnahmeverfahren mit Personnel-Recovery-Teams funktioniert - bis es klappt.

„Es ist völlig normal, dass die Männer nicht alles beim ersten Mal beherrschen. Genau deswegen sind sie ja hier – sie sollen es lernen.“ So treiben Neumann und seine Ausbilder die Lehrgangsteilnehmer mit Bedacht an ihre Grenzen. Bei Nacht werden die 28 Kameraden von den Ausbildern „gejagt“. Immer wieder müssen sie Ausweichen und ein vorher bestimmtes Ziel in einigen Kilometern Entfernung erreichen. Ausruhen – Fehlanzeige. Die Herausforderung ist: „…das Wetter! Im Sommer wäre das alles deutlich einfacher. Aber die Kälte und der ständige Regen machen uns hier zu schaffen. Da hilft nur Zähne zusammenbeißen und durchhalten“, erklärt Henkel.

Bis Montagmorgen waren die Lehrgangsteilnehmer in kleinen Gruppen von drei bis vier Soldaten unterwegs. Ziel war ein kleiner Punkt auf der Landkarte; ganz am anderen Ende des Übungsplatzes in Altengrabow. Dort sollten sie durch ein Personnel-Recovery-Team aufgenommen werden. Bisher wurde das mit Fahrzeugen geübt. Doch die Teilnehmer staunten nicht schlecht, als über den Baumwipfeln plötzlich das laute Turbinendonnern einer CH-53 zu hören war.

Mehrere knieende Soldaten werden auf einer Wiese durchsucht, bevor Sie den gelandeten Tansporthubschrauber betreten dürfen

Bis zum letzten Moment weiß das Personnel-Recovery-Team nicht, ob es ein Hinterhalt ist. Deswegen halten die zu rettenden Soldaten ihre Hände hoch und Ausweise bereit.

Foto: Luftwaffe / Oliver Pieper

Rettung naht

Zur Aufnahme gehört die richtige Wahl von Signalmitteln, der Funkverkehr mit den rettenden Kräften und die Verbindungsaufnahme am Boden. Bis zum Schluss weiß das PR-Team nicht, ob es sich um einen Hinterhalt handelt. Deswegen müssen die zu rettenden Soldaten mit erhobenen Händen am Boden knien. Zum Schutz vor aufgewirbeltem Staub des Hubschraubers ist das Gesicht weggedreht. Das erlaubt auch dem PR-Team, jederzeit die Kontrolle zu behalten.

Wie bei den vorbereitenden Übungen funkten sie und gaben die richtigen Signale. Dann wurden sie aufgenommen und es ging im Transporthubschrauber zurück ins Truppenlager. „Ich bin noch nie zuvor Hubschrauber geflogen. Das war ein toller Abschluss unseres Lehrgangs“, sagt Lersch. „Da vergisst man auch kurz die großen Anstrengungen der letzten Tage und Nächte.“ Sein Gesicht verrät jedoch, wie hart die Woche war. Aber es hat sich gelohnt. Er und sein Kamerad Steven Henkel haben den Lehrgang bestanden.

Autor: Philipp Rabe