• Neuer Inhalt
  • Zum Beratungsstellenfinder
  • Suche
Die Deflagration – ein schneller Verbrennungsvorgang – von nicht verdämmten Acetonperoxid

Die Deflagration – ein schneller Verbrennungsvorgang – von nicht verdämmten Acetonperoxid

Foto: Bundeswehr / Lukaszewski

Hochsensibles Teufelszeug: Experten lernen selbst gemachte Sprengstoffe kennen

Im Chemielehrsaal kracht es. Der laute Knall hallt durch die Kaserne in Sonthofen. Doch es gibt keinen Grund zur Besorgnis. In der Einrichtung mit dem ziemlich sperrigen Namen „Schule ABC-Abwehr und Gesetzliche Schutzaufgaben“ ist keine Bombe hochgegangen. Vielmehr steht die Wirkungsweise selbst hergestellter Sprengstoffe auf dem Lehrplan.


Vor allem in den Einsatzgebieten der Bundeswehr, aber auch im Inland, sind diese „Homemade Explosives“ (HME) genannten Exposivgemische eine enorme Bedrohung. Denn häufig sind sie Bestandteil von Sprengfallen, den „Improvised Explosive Devices“ (IED). Erstmals beschäftigte sich deshalb Personal des Ausbildungsstützpunktes Kampfmittelabwehr in Stetten am kalten Markt und der Sonthofener Bundeswehrschule zwei Tage lang mit diesem brisanten Thema.

Chemiker Sebastian Wiegmann stellt die verschiedenen „Homemade Explosives” vor

Chemiker Sebastian Wiegmann stellt die verschiedenen „Homemade Explosives” vor

Foto: Bundeswehr / Lukaszewski

Explosiv und nicht transportsicher

„Das Problem in der Ausbildung mit HME gegenüber militärischen oder kommerziellen Sprengstoffen besteht darin, dass einige von ihnen nicht transportsicher sind und daher vor Ort hergestellt und dort auch wieder entsorgt werden müssen“, sagt Sebastian Wiegmann. Der 33-jährige Doktor der Chemie ist Angehöriger der Bundeswehr und Sachgebietsleiter für Explosivstoffe an der Schule in Sonthofen.

Aufgrund seiner Fachkunde nach Paragraf 9 des Sprengstoffgesetzes hat der Wissenschaftler die Erlaubnis zur kontrollierten Herstellung von explosiven Substanzen. „Die Sicherheit gewährleisten wir dadurch, dass wir nur sehr kleine Mengen herstellen und diese mit angemessener Schutzausrüstung handhaben“, ergänzt Wiegmann. Selbst eine Explosion während der praktischen Ausbildung bleibt deshalb ungefährlich.

„Während wir in der Ausbildung und bei Übungen ständig mit Sprengmitteln und Munition der Bundeswehr umgehen, ist dies mit den hochempfindlichen Selbstlaboraten natürlich sonst nicht machbar“, so der Leiter der Delegation aus Stetten am kalten Markt. Für die Kampfmittelabwehrkräfte sei dies aber äußerst wichtig. Im Einsatz könnten sie auch mit HME, als Bestandteil in Sprengfallen, in Kontakt kommen. „Daher bringt uns diese Ausbildung einen großen Schritt nach vorn.“

Der Ausbilder zündet eine kleine Menge des Explosivstoffs HMTD.

Der Ausbilder zündet eine kleine Menge des Explosivstoffs HMTD.

Foto: Bundeswehr / Lukaszewski

Sprengstoffe in Theorie und Praxis

Im Theorieteil lernen die Teilnehmer, wie sie die Ausgangssubstanzen für HME richtig behandeln. Sie erfahren Grundlagen chemischer Reaktionen und der Löslichkeit von Explosivstoffen. Ein großer Anteil ist jedoch der Praxis vorbehalten. „Diese Ausbildung bietet die in der Bundeswehr einmalige Gelegenheit, praktische Erfahrungen im Umgang mit HME zu erlangen“, erklärt der Delegationsleiter.

Die Teilnehmer können – in einem sicheren Umfeld – direkte Erkenntnisse mit den hochempfindlichen Explosivstoffen, darunter auch Acetonperoxid oder Silberazid, sammeln. „Hier konnte ich erstmalig die verschiedenen Herstellungsschritte nachvollziehen und durchführen – und vor allem ganz praktische und realitätsnahe Erfahrungen im Umgang mit HMEs machen“, sagt ein 29-jähriger Hauptmann.

Wie sieht so ein Stoff aus? Wie riecht er? Wie kann ich ihn erkennen? Die Ausbildung beschränkte sich nicht allein auf die Beantwortung dieser Fragen. Vielmehr konnten die Teilnehmer in einfachen Versuchen die volle Bandbreite der Empfindlichkeiten dieser Stoffe ausloten – um so im Ernstfall bestmöglich zu reagieren.

Engere Zusammenarbeit im Blick

Das Fazit des Kampfmittelbeseitigers fällt positiv aus. „Kein Unterricht kann das Praktische, das einfach mal machen, ersetzen – und genau das machen wir hier unter sachkundiger Anleitung. Die Erfahrungen, die ich hier mitnehmen konnte, sind einmalig und sehr wertvoll.“

Auch Wiegmann will zukünftig an der Ausbildung festhalten: „Ich denke, dass alle Teilnehmer mit den neuen Erfahrungen nun einen besseren Einblick in das Themenfeld Homemade Explosives erhalten haben. Sei es, woraus und wie diese hergestellt werden, aber auch, wie man diese wieder sicher entsorgen kann. Daher werden wir unsere Zusammenarbeit mit dem Ausbildungsstützpunkt Kampfmittelabwehr weiter fortsetzen und intensivieren. Dieser gemeinsame Ausbildungsabschnitt zeigt, dass das Interesse daran auf jeden Fall vorhanden ist.“


Autor: Redaktion der Bundeswehr