Mach, was wirklich zählt.

Vier militärische Bergsteiger gehen auf ein verschneites Bergmassiv zu.
Zwei Heeresbergführer steigen eine Eiswand hinauf.

Stürzen verboten! Schwer bepackt steigt Max in der 55 Grad steilen Eiswand voraus.

Foto: © Bundeswehr / Anton Brey

Prüfung in der Eiswand - Teil 2

Teil zwei für den Prüfungsstress hoch über den Dächern des Ski-Orts Chamonix-Mont-Blanc: Beim Heeresbergführerlehrgang im französischen Gebirge wird das Extreme zum Normalzustand. Anders sind die Qualen auch nicht auszuhalten. Unser Autor war mit auf Tour.


Gefährlicher Abstieg

Der Plan für morgen hat es in sich. Max erklärt im Stakkato-Bundeswehr-Ton den nächsten Tag: „Wecken um 4:45 Uhr. 6 Uhr Abmarsch.“ Ziel ist der Midi-Plan-Grat. Die Gefahrenstellen liegen im Abstieg aufgrund der tageszeitlichen Erwärmung.

Drei Soldaten im Schnee kontrollieren ihre Kletterausrüstung.

Seile und Klettermaterial werden vor der Tour kontrolliert und geordnet.

Foto: © Bundeswehr / Anton Brey

Rückkehr bis spätestens 14:30 Uhr an der Aiguille du Midi. Vor uns liegt aber erst einmal eine Nacht im muffigen Matratzenlager. 20 verschwitzte Bergsteiger versuchen hier, auf engstem Raum zu schlafen. Der niedrige Sauerstoffgehalt auf 3.600 Metern sorgt für heftige Kopfschmerzen.

Ständig steht jemand auf, um auf Toilette zu gehen, andere schnarchen die ganze Nacht. „Ich hab’ das Gefühl, dass ich keine Sekunde geschlafen habe“, sagt Max um 5:15 Uhr mit Zahnbürste im Mund. Der anschließende Blick zur Tür hinaus verheißt nichts Gutes: fünf Meter Sichtweite, 15 Zentimeter Neuschnee.

„Bei so einem Wetter bleibst’ besser dahoam“, murmelt Max vor sich hin und schlappt mit gesenktem Kopf zum Frühstück. „Wir werden es um 7:30 Uhr noch einmal probieren“, sagt Oberstleutnant Grillhösl. „Bis dahin könnt ihr euch hinlegen. Bei diesem Wetter macht’s einfach keinen Sinn, dass wir auf Tour gehen – viel zu gefährlich.“


Kein "Sunshine-Lehrgang"

Vier Soldaten steigen zur Berghütte auf.

Die letzten Meter zurück in die Zivilisation setzen der Gruppe noch mal richtig zu.

Foto: © Bundeswehr / Anton Brey

Als Max um 7:45 Uhr die Nase zur Tür hinaussteckt, ist das Wetter kaum besser. Die Spur vom Vortag ist nicht mehr zu erkennen. Nach zehn Metern ist die große Hütte bereits verschwunden.

„Das gehört auch zu den Erfahrungswerten für einen Heeresbergführer: Man muss schon wissen, wann man auf Tour geht und wann nicht”, sagt Grillhösl. „Oberfeldwebel Krauß, übernehmen Sie und führen Sie uns zurück zur Station Aiguille du Midi.“

„Ein ‚Sunshine-Lehrgang‘ ist das hier mit Sicherheit nicht“, sagt Grillhösl, als Max losmarschiert. „Matratzenlager. Den ganzen Tag draußen, egal, wie das Wetter ist. Kaum zu Hause sein, und das ein ganzes Jahr lang.“ Seine schwarzen Augenringe zeigen, dass eine schlaflose Nacht auf 3.600 Metern auch an einem gestandenen Bergführer nicht spurlos vorübergeht.

Die Soldaten gehen zum Eingang zur Seilbahnstation.

Ende in Sicht: Am Eingang zur Seilbahnstation von Aiguille du Midi endet die Tour.

Foto: © Bundeswehr / Anton Brey


Max führt die Seilschaft wohlbehalten aus der gefährlichen Zone hinauf zum Endpunkt der Tour, der Bahn­station Aiguille du Midi. Die ruhige, allzeit souveräne und humorvolle Art der Heeresbergführer wirkt ansteckend. Sie sind Risikomanager. Für sie ist das Außergewöhnliche der Normalzustand.

„Ich glaube, ein guter Bergführer hat das Talent, der Gefahr – egal, wo – mit einem Lächeln in die Augen zu schauen. Sonst hältst du das hier auf Dauer nicht aus“, sagt Grillhösl, als wir alle wieder in der Zivilisation sind.


Lehrgang
Partnerschaft
Erstmals findet der 50 Jahre alte Heeresbergführerlehrgang in binationaler Kooperation statt. Spezialisten aus Deutschland und Österreich bilden gemeinsam die angehenden Heeresbergführer beider Nationen aus.
Ausbildungsorte
Der Lehrgang ist in fünf Ländern zu Gast. An spektakulären Orten in den Alpen: Sportklettern in der Fränkischen Schweiz, alpine Klettertouren im Wilden Kaiser in Österreich, steile Felswände am Sellastock in den italienischen Dolomiten, Hochtouren über 4.000 Meter im französischen Chamonix und Skihochtouren in den Pulverschneehängen rund um Andermatt in der Schweiz.
Zahlen
Der Lehrgang beginnt jedes Jahr im Juni und dauert elf Monate. Mehr als 30 praktische und theoretische Prüfungen müssen die Aspiranten absolvieren. Wegen der hohen Sicherheitsrisiken ­während des Lehrgangs kommen auf einen Ausbilder lediglich drei Anwärter.
Inhalte
Neben theoretischem Unterricht in Wetter- und Lawinenkunde, Medizin und Materialkunde vermittelt der Lehrgang praktische Kenntnisse in Felsklettern, Eisklettern, Hochtouren, Skihochtouren, Bergrettung, Hubschrauberausbildung, Sanitätsausbildung und Gefechtsausbildung im Hochgebirge.
Aktuell
Im Juni 2015 traten 24 Aspiranten an, 16 haben den Eingangstest bestanden und den Lehrgang begonnen. Davon sind derzeit noch zwölf dabei. Zwei Teilnehmer mussten gesundheitsbedingt abbrechen, zwei weitere wurden wegen erheblicher Mängel beim Führen abgelöst. Die Gebirgsjägerbrigade 23 hat 94 Stellen für Heeresbergführer, 76 sind besetzt. Bis dato haben zwei Frauen die körperlich herausfordernde Ausbildung erfolgreich absolviert.


Robert Grillhösl: „Es ist schon eine Mammutaufgabe“

Der 45-jährige Oberstleutnant ist seit 20 Jahren Heeresbergführer. Er leitet seit drei Jahren die Ausbildung und den ersten deutsch-österreichischen Lehrgang.

Das Bild zeigt Oberstleutnant Robert Grillhösl.

Oberstleutnant Robert Grillhösl

Foto: © Bundeswehr / Anton Brey


Bundeswehr: Wie sind Ihre Erfahrungen mit den österreichischen Partnern?

Grillhösl: Es ist schon eine Mammutaufgabe, zwei bewährte Ausbildungssysteme zusammenzuführen. Für beide Seiten geht damit natürlich ein enormer Erfahrungsgewinn einher. Mir geht es vor allem darum, dass wir Synergien entwickeln und das Wissen beider Nationen in der Ausbildung nutzen. 

Bundeswehr: Sie sind seit 20 Jahren Heeres­berg­führer. Was hat sich in dieser Zeit verändert?

Grillhösl: Der wesentliche Unterschied zu früher ist das Selbstverständnis der Aspiranten. Damals waren sie jede freie Minute in den Bergen. Heute sehe ich bei vielen ein enorm hohes Anspruchsdenken gegenüber dem Dienstherrn, was die Vorbereitung auf den Lehrgang angeht. Das wäre damals undenkbar gewesen. Umso mehr begrüße ich das intensive und umfangreiche Förderprogramm der Gebirgsjägerbrigade 23. Es bietet die ideale Vorbereitung auf den Lehrgang.

Bundeswehr: Es gibt ein Nachwuchsproblem bei den Heeresbergführern. Wie sieht Ihre Lösung aus?

Grillhösl: Heeresbergführer sind eine Hochwertressource. Nicht nur für die Ausbildung im Inland, sondern auch im Einsatz, in Krisen- und Kriegsgebieten im schwierigsten Gelände, bei jedem Wetter, in verschiedenen Klimazonen. Die Frage ist, ob der Dienstherr diese Ressource weiterhin haben will. Wenn ja, dann muss in ihre Entwicklung Zeit und Geld investiert werden. 

Autor: Johannes Schmid