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Mach, was wirklich zählt.

Der Mehrzweckhubschrauber NH-90 in Gao/Mali.
Von Faßberg nach Gao: Franziska G. ist Fliegerärztin beim Transporthubschrauberregiment 10.

Von Faßberg nach Gao: Franziska G. ist Fliegerärztin beim Transporthubschrauberregiment 10.

Foto: © Bundeswehr / Thiel

Schnelle Hilfe von oben

Oberfeldarzt Franziska G. ist Fliegerärztin. Seit Ende Januar dient sie im deutschen Einsatzkontingent MINUSMA (United Nations Multidimensional Integrated Stabilization Mission in Mali) im nordmanischen Gao. Dort sind Transporthubschrauber der Bundeswehr stationiert. Ihr Auftrag: Die Rettung von Verletzten und Verwundeten, genannt Medical Evacuation (MedEvac). Im Interview spricht G. über die besonderen Anforderungen dieser Mission.


Das San-Personal rüstet den NH-90 als MedEvac im Rahmen der UN-Mission MINUSMA aus.

Das San-Personal rüstet den NH-90 als MedEvac im Rahmen der UN-Mission MINUSMA aus.

Foto: © Bundeswehr / Christian Thiel

Können Sie beschreiben, wie Sie die Einsatzbereitschaft vorbereiten und mit welchem medizinischen Gerät die Transporthubschrauber ausgerüstet wurden?

Wir haben alle vier Hubschrauber von Bamako nach Gao überführt und unser Sanitätsmaterial bekommen. Die erste MedEvac-Maschine ist komplett mit zwei Liegend-Transport-Plätzen für zwei Schwerverwundete eingerüstet. An jedem Liegend-Verwundeten-Platz haben wir einen Überwachungsmonitor, einen Defibrillator, ein Notfallbeatmungsgerät, eine Spritzenpumpe und eine Absaugpumpe. Außerdem verfügen beide Plätze über einen entsprechenden Sauerstoffvorrat, der durch einen extra ballistischen Schutz gesichert ist.

Des Weiteren haben wir ein Taschensystem integriert, in das Verbrauchsmaterial gelagert wird, das man an Bord benötigt. Jeder Liegeplatz ist mit einem Rettungsrucksack ausgestattet, mit dem wir die Patienten auch in der Ladezone versorgen können. Mithilfe des Sanitätsmaterials aus dem Rucksack kann die medizinische Besatzung (Medical-Crew) aber auch direkt am Liegend-Verwundeten-Platz am Patienten arbeiten. Jeder Liegeplatz ist außerdem mit einem Hilfsmittel (Spine-Board) zur Rettung verunglückter Personen, bei denen eine Verletzung der Wirbelsäule nicht auszuschließen ist und einem speziellen Patienten-Transportsack ausgestattet, um diese an Bord zu bringen.


Teamwork ist gefragt: Nur gemeinsam kann die Crew ihren Auftrag bewältigen.

Teamwork ist gefragt: Nur gemeinsam kann die Crew ihren Auftrag bewältigen.

Foto: © Bundeswehr / Thiel

Die Einsatzbereitschaft naht. Was heißt das speziell für die Medical Crews auf dem Hubschrauber? Wie bereiten sie sich vor?

Zuerst führen die Luftfahrzeugbesatzungen Einweisungsflüge durch, um sich mit den Gegebenheiten vor Ort vertraut zu machen. Unmittelbar im Anschluss beginnen auch die Medical Crews mit ihrem Training: Wie ist das mit einer Landung im Staub? Wie bewegt man sich am besten? Wie steigt man aus? Wie steigt man mit Patient wieder ein? Wie arbeitet man mit der Luftfahrzeugbesatzung zusammen? Wie würde man sich verhalten, wenn man als Medical Crew zurück bleiben muss?

Letzteres wäre natürlich der „worst case“ und ist unbedingt zu vermeiden. Aber trotzdem muss man es trainieren. Das bedeutet, dass über die medizinische Qualifikation jedes Einzelnen hinaus auch ein intensives Training in richtigem taktischen Verhalten als Team bis zur Erlangung der Einsatzbereitschaft erforderlich ist.


Techniker Biker und Sanitäter an Bord des NH-90 in der Nähe von Gao.

Techniker Biker und Sanitäter an Bord des NH-90 in der Nähe von Gao.

Foto: © Bundeswehr / Christian Thiel

Wie ist dabei die körperliche Belastung für die Medical Crew?

Wir haben zwei Ärztinnen und zwei Rettungsassistentinnen als Medical Crews. Die Kameradinnen sind körperlich fit. Und das müssen sie auch sein, um in dieser heißen Klimazone mit der körperlichen Belastung klarzukommen. Was bedeutet es, sich bei 35 Grad im Schatten, im Staub, in einer Landezone mit Patientenzuführung bewegen zu müssen? Und um sich an diese Besonderheiten zu gewöhnen, sind die Einweisungsflüge gut.


Wenn Sie die Medical Crews schlimmstenfalls am Boden zurück lassen müssen, wird dann der Medic zum Infanteristen?

Ja, das stimmt. Und das zeigt, dass unsere Crews nicht nur medizinisch und körperlich fit sein müssen, sondern eben auch infanteristisch, um sich im Ernstfall mit der Bodentruppe bewegen zu können. Und das, bis der Hubschrauber in der gleichen oder in einer alternativen Landezone wieder reingeholt werden kann. Dieses Szenario trainieren wir vorher auch in Deutschland, damit die Medics da eine gewisse Sicherheit bekommen.


Kann man im Vorfeld feststellen, wer den Anforderungen gewachsen ist?

Mit einem Hubschrauber zu fliegen, bedeutet, sich in drei Dimensionen zu bewegen. An Bord ist es warm, es ist dunkel. Es ist bisweilen stickig, es riecht nach Kerosin. Die Vibration kommt hinzu, und man hat wenig Sicht nach außen. All das zusammengenommen trägt dazu bei, dass auch dem Einen oder Anderen übel werden könnte. Genau das versuchen wir, mit den Medical Crews schon bei der Einweisung in unserem Verband in Deutschland herauszufinden. Denn wenn einem das Fliegen so gar nicht liegt, dann ist er auch nicht in der Lage, einen Patienten an Bord zu versorgen.


Welche psychischen und physischen Belastungen bringt das besondere Arbeitsumfeld des NH-90 noch mit sich?

Der Hubschrauber ist sehr niedrig. Das heißt, die Medics können nicht stehen, sondern arbeiten kniend am Patienten. Besonders auf den harten ballistischen Platten ist dies eine Anstrengung. Die schwere Schutzweste ist noch eine zusätzliche Belastung. Physisch ist die Arbeit somit auf jeden Fall eine Herausforderung, jedoch auch psychisch.

Neben der Versorgung eines möglicherweise schwerverletzten Patienten kommt auch das Bewusstsein für die Gefahr hinzu. Denn wenn man den Patienten aus einer Ladezone herausholen muss, bedeutet dies natürlich auch, dass im Vorfeld irgendwas passiert ist – und dass man sich möglicherweise in Gefahr begibt.


Gibt es Mechanismen, um sich innerlich auf eine Landezone vorzubereiten, die „heiß“ ist?

Ich denke, um damit zurechtzukommen, ist es das Wichtigste, im Team zu arbeiten und zu leben. Weil man so miteinander diese Belastung auffangen und tragen kann. Wie im zivilen Rettungsdienst nach einem schweren Einsatz findet auch hier nach jedem Auftrag und nach jedem Trainingsflug ein „Debriefing“ statt. Dort setzen sich beide Luftfahrzeugbesatzungen zusammen und beleuchten das Geschehene nochmals aus allen Perspektiven. Dabei kann jeder auch seine Sorgen und Ängste artikulieren.


Können Sie darstellen, wie ein Tag bis zu einer möglichen Alarmierung ablaufen würde?

Ein Tag beginnt damit, dass am Morgen die Rotte ihre Schicht übernimmt und dann ein Briefing durchführt. Hier wird thematisiert, welche Ereignisse anstehen, was auf die NH90-Besatzungen zukommen könnte. Dann werden die Maschinen fertig gemacht, also die Geräte geprüft und die persönliche Ausrüstung auf die Maschinen gebracht. Und dann verbringt man den Tag in Bereitschaft. Ein möglicher Einsatz würde dann durch den „Nine-Line-MedEvac-Request“ ausgelöst werden – und sobald dieser „Nine-Liner“ da ist, geht es los.


Zwei NH-90 beim Start in Bamako/Mali im Rahmen der UN-Mission MINUSMA.

Zwei NH-90 beim Start in Bamako/Mali im Rahmen der UN-Mission MINUSMA.

Foto: © Bundeswehr / Sebastian Wilke

Und wie gestaltet sich der Ablauf nach einer Alarmierung?

Wir haben eine „Notice-to-Move“ von 30 Minuten am Tag. In der Nacht sind es 60 Minuten. In dieser Zeit bereiten die Bordmechaniker und die Rettungsassistenten das Luftfahrzeug vor, während die Piloten und der Arzt sich die „Nine-Liner“ in der Operationszentrale darstellen lassen. Sind alle Informationen gesammelt, treffen sich alle am Luftfahrzeug und die zwei NH-90 gehen gemeinsam raus. Sie werden dann den oder die Patienten gemeinsam aufnehmen und zur nächstmöglichen Sanitätseinrichtung bringen.


Welche Einrichtung kann dann die notfallchirurgische Erstversorgung gewährleisten?

Von Gao aus ist das die „Role 2“ der Franzosen im Camp Barkhane. Dies ist quasi eine kleine Feldklinik, die in der Lage ist, auch schwerstverletzte Patienten aufzunehmen, eine Erstversorgung durchzuführen und die Patienten zu stabilisieren. Aber: Wenn wir nicht fliegen müssen, dann geht’s den Jungs draußen gut. Und das ist das Wichtigste! 

Autor: Redaktion der Bundeswehr