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Mannschaftssoldaten im Unterrichtsraum

Gemeinsames Lernen für den Abschluss

Foto: © Bundeswehr / Kai-Axel Döpke

Zurück auf "LOS" - Karriereneustart mit dem Schulabschluss bei der Bundeswehr

Zu viele deutsche Schüler verlassen noch immer die Schule ohne einen Abschluss in der Tasche zu haben. Bundesweit sind es fast 50.000 junge Erwachsene pro Jahr. Die Gründe dafür sind vielfältig und nicht immer leicht zu ergründen – zerrüttete Familienverhältnisse, der „falsche Freundeskreis“ und Schicksalsschläge. Die Marine geht nun, in enger Zusammenarbeit mit der Bundesagentur für Arbeit, dem Bildungszentrum der Bundeswehr und dem Karrierecenter Berlin, gemeinsam mit solchen jungen Menschen einen völlig neuen Weg.

Soldaten stehen in einem Flur

Die Rekruten stehen angetreten auf dem Deck

Foto: © Bundeswehr / Kai-Axel Döpke

Um 7 Uhr ist für Hauptgefreiter Mennicken Dienstbeginn an der Bundeswehrfachschule in Hannover. Der 27-jährige ist zweifacher Familienvater und trägt somit eine große Verantwortung. Bis vor einem Jahr musste er allerdings neben seinem eigentlichen Job bis zu drei Nebenjobs machen, um über die Runden zu kommen. Schon vorher lernte er als FWDLer den Soldatenberuf kennen und schätzen. Doch ohne Schulabschluss war keine Verpflichtung möglich. Er versuchte den Abschluss zivil nachzuholen, doch aus Mangel an Teilnehmern wurde der Kurs abgesagt. Über den Karriereberater erfuhr er dann von dem Pilotprojekt „Junge Erwachsene ohne Schulabschluss“, kurz JEoS. Seit Januar 2016 gehört er zu den zehn ersten Teilnehmern und bekommt die Möglichkeit, seinen Hauptschulabschluss in 6 Monaten an der Bundeswehrfachschule in Hannover nachzuholen.

Soldat Portraitbild

Hauptgefreiter Mennicke strahlt voller Stolz

Foto: © Bundeswehr / Kai-Axel Döpke

„Früher war ich einfach faul“, sagt Mennicken. „Man dachte, irgendwie klappt das mit dem Abschluss schon. Plötzlich hat man nichts, man wird in eine Schublade gesteckt und abgestempelt. Ich weiß: Das hier ist meine letzte Chance und da mache ich das Beste draus.“

Mennicken meint es ernst. Das sieht man auch, wenn er von einer Weiterverpflichtung spricht. Er möchte es bis in die Bootsmannlaufbahn schaffen. Für das Erreichen ihres Ziels erhalten Mennicken und seine Kameraden viel Unterstützung. So steht Stabsfeldwebel Wrede als Betreuungsfeldwebel, der für dieses Projekt als Reservist aus seinem Ruhestand zurück zum Betreuungszentrum gekommen ist, den jungen Soldaten zur Seite. Er ist ein militärischer Führer mit viel Herzblut. Für viele ist er zu einer Vaterfigur geworden.

Hausaufgabenbetreuung, Nachhilfe, gemeinsame Aktivitäten, auch außerhalb der Dienstzeit – all das organisiert Wrede gerne für seine Schützlinge, die es ihm danken. „Wir unternehmen hier viel, der Stabsfeldwebel ist immer für uns da“, erklärt Obergefreiter Alacam. Der 21-jährige Hamburger ist ein weiterer Teilnehmer des Projekts JEoS. Die Frage, warum es bei ihm vorher nicht zu einem Abschluss gereicht hat, beantwortet er knapp mit einem schlechten Umfeld. Wie Hauptgefreiter Mennicken ist auch Alacam hoch motiviert. Eine Ausbildung zum Bürokaufmann ist sein Ziel, in die Laufbahn der Unteroffiziere ohne Portepee will er es schaffen. Ein sicherer Job ist für ihn ein ausschlaggebender Grund bei JEoS mitzumachen.

Soldaten in zivilen Sportbekleidung

Auch sportlich müssen die Soldaten fitt sein

Foto: © Bundeswehr / Kai-Axel Döpke


Was es aber heißt, Soldat zu sein, das wird schon im Vorfeld verdeutlicht. Auch wenn das Projekt über die Agentur für Arbeit an die jungen Leute herangetragen wird, zu einer Teilnahme an einer der folgenden Informationsveranstaltungen kann keiner gezwungen werden, schließlich bedeutet Soldat zu sein, auch der Umgang mit Waffen. Niemand muss deshalb mit Sanktionen von Seiten der Agentur rechnen. Auf den Infoveranstaltungen klären Karriereberater der Bundeswehr die Interessenten über den Beruf des Soldaten auf. Besteht weiterhin das Interesse, zur Marine zu kommen, steht jedem Bewerber der allgemeine Einstellungstest bevor. Für die JEoS-Teilnehmer findet er in Berlin statt und beinhaltet, wie für jeden anderen Bewerber, einen Sporttest, eine medizinische Untersuchung, ein Psychologengespräch und verschiedene Tests im Assessment Center.

Nach Bestehen aller Tests und Untersuchungen ging es für Mennicken und Alacam schnell weiter. Nach einer Verpflichtung für eine Zeit von vier Jahren begann für Sie, wie bei jedem Soldaten, die Bundeswehrkarriere mit der allgemeinen Grundausbildung. Doch anders als ihre Kameraden ging es danach nicht direkt in die Truppe. Sie kamen stattdessen im April nach Hannover und dort unter die Obhut von Hauptmann Tobias Jahnke und seinen Soldaten der Betreuungsstelle in der Scharnhorst Kaserne.

Hauptmann und Stabsfeldwebel im Portrait

Hauptmann Tobias Jahnke und Stabsfeldwebel Wolfgang Wrede, Chef und Betreuer an der Bundeswehrfachschule

Foto: © Bundeswehr / Kai-Axel Döpke

Der Hauptmann spricht offen von den Bedenken, die er anfangs dem Projekt gegenüber hatte. „Wir wussten die jungen Kameraden nicht genau einzuschätzen. Wie führt man diese Menschen, die aus so unterschiedlichen Umfeldern stammen? Wie würden sie auf Befehl und Gehorsam reagieren?“

Mannschaftssoldaten im Unterrichtsraum

Gemeinsames Lernen für den Abschluss

Foto: © Bundeswehr / Kai-Axel Döpke

Die Klassenlehrerin, Frau Lehmann, weist eine Bildungsunfähigkeit der Teilnehmer entschieden von der Hand. „Sie hätten sonst schlichtweg auch kein Interesse mehr an einem Abschluss. Natürlich war es für alle eine Umgewöhnung. Wir als Lehrer waren es bis jetzt gewohnt, mit Zeitsoldaten zum Ende ihrer Dienstzeit hin zu arbeiten. “ Fachlich wurden die Lehrer mit der neuen Klientel vor keine außergewöhnlichen Herausforderungen gestellt. Die Probleme waren ganz andere. „Sie brauchten einfach mehr Zuwendung“, sagt Lehmann. „ ...ihren Alltag geregelt zu bekommen, das war ein Hindernis. Hier war es für alle von großem Vorteil, die militärische Unterstützung zu haben.“

In Zweimannstuben sind die Teilnehmer im Alter von 18 bis 27 Jahren untergebracht. Die Unterrichtsräume sind mit interaktiven Tafeln ausgestattet und für die „unterrichtsfreie“ Zeit bietet die Scharnhorst Kaserne umfangreiche Sportmöglichkeiten. Rundum optimale Bedingungen - die Schüler können sich voll auf ihr Bildungsziel konzentrieren. Politische Bildung gehört ebenso zum Lehrgangsprogramm wie die Unterrichtsfächer Wirtschaft, Mathematik oder Englisch. Innerhalb des gesamten Projektes ist die Marine Vorreiter. Sie ist die erste und bis jetzt einzige Teilstreitkraft, die sich daran beteiligt. „Dieses Projekt auf die Beine zu stellen, war für uns alle nicht einfach“, erklärt Jürgen Reiß, schulfachlicher Referent im Bildungszentrum der Bundeswehr. „Letzten Endes haben jedoch alle Beteiligten an einem Strang gezogen. Das Gelingen haben wir dieser guten Zusammenarbeit zu verdanken“, stellt er heraus. Zusammen mit dem Karrierecenter Berlin und der Bundesagentur für Arbeit setzten sich mit dem Bildungszentrum der Bundeswehr und dem Marinekommando erstmals Vertreter unterschiedlicher Institutionen gemeinsam an einen Tisch.

Einen Monat vor Beendigung des Lehrgangs sieht Hauptmann Jahnke die Soldaten in ihren späteren Einheiten nicht anecken. Ganz im Gegenteil. „Sie wissen zu schätzen, dass sie diese Möglichkeit durch die Marine bekommen haben und machen in ihrer Entwicklung einen sichtbaren Schritt nach vorne. Eine intrinsische Motivation ist bei allen deutlich vorhanden. Wir denken leider viel zu viel in Schachteln und diese zehn Kameraden haben uns eines besseren belehrt“, schließt er sein Fazit. Ergänzend sieht Stabsfeldwebel Wrede hier nicht nur für die Soldaten eine Chance. „Das Projekt ist durchaus ein Gewinn für die Bundeswehr, in diesem Fall für die Marine. Diese Soldaten sind motiviert und lernwillig.“

Autor: Jule Peltzer