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Mach, was wirklich zählt.

Soldaten liegen auf einer Schießbahn
Ein Soldat schießt auf dem Boden sitzend mit einem Gewehr

Oberstabsgefreiter Benny mit seinem G36 A3 im sitzenden Anschlag

Foto: © Bundeswehr / Marco Dorow

Sniper Competition in Großbritannien

Perfekt getarnt pirschen sie sich mit ihren Scharfschützengewehren G22 und G28 an ihre Feuerstellung heran.

Plötzlich ein lauter dumpfer Knall. Der Schuss ist gebrochen. Das Projektil schlägt schon nach einer Sekunde im 750 Meter entfernen Ziel ein. Die Schützenscheibe klappt ab. „Good shot, Sir“, lobt der leitende Brite.

Ein Scharfschützenteam besteht aus dem „Spotter“ (Beobachter) und dem „Sniper“ (Scharfschütze). Beide ergänzen sich perfekt. Nur so haben sie die Chance auf einen Treffer mit dem ersten Schuss. Nachdem das Ziel bekämpft ist, müssen sie sofort die Stellung wechseln, um nicht selbst unter Beschuss zu geraten.

Martin, Benny und Simon für Deutschland

Insgesamt treten 25 Scharfschützenteams aus Großbritannien, Frankreich, Dänemark sowie Deutschland und Kanada bei der „Tri Service Sniper Competition“ (TSSC) auf der Hauptinsel des Vereinigten Königreichs an. Das Jägerbataillon 292 der Deutsch-Französischen Brigade in Donaueschingen ist der Einladung des 3 (UK) Division HQ & Signals Regiment, gefolgt und nahm mit einem Team am diesjährigen Scharfschützen-Wettstreit teil.

Teamchef Martin (35) ist Hauptfeldwebel. Er und sein Scharfschützentrupp sind unter anderem auch hier, um ihre taktischen Einsatzgrundsätze und -verfahren anzuwenden sowie Erfahrungen im Rahmen der Zusammenarbeit mit anderen NATO-Partnern auszutauschen. „Jeder kann hier vom anderen lernen“, stellt er fest.

Mit ihren Waffenkoffern, Waffentaschen, Munitionskisten und Ausrüstungsgegenständen sowie ihrer eigenen persönlichen Bekleidung beziehen die Teams im Westdown Camp nähe Tilshead in Südengland ihre Unterkunft. Schon hier finden die ersten kameradschaftlichen Gespräche mit den Dänen, Franzosen und Briten statt.

Der erste Tag - es geht los

Am ersten Tag ging es für alle 25 Teams auf die Shooting Range in Warminster, eine Schießbahn, die direkt an das Headquarter Field Army angrenzt, um ihre Handwaffen anzuschießen. Als alle Teams die Waffen aufgereiht auf dem Rasen der Schießbahn abgelegt hatten, glich dieses Bild dem eines „Waffenbasars“. Unter anderem standen hier das deutsche Scharfschützengewehr G22 Winchester Magnum (Kaliber 7,62x67 Millimeter), das G28 (Kaliber 7,62x51 Millimeter), das Sturmgewehr G36 A3 (Kaliber 5,56x45 Millimeter), das britischen L115A3 Scharfschützengewehr .338 Lapua Magnum und das britische Sturmgewehr L86A2 (Kaliber 5,56x45 Millimeter) sowie das dänischen Sturmgewehr M10 (Kaliber 5,56x45 Millimeter). Die Waffen präsentierten sich in den unterschiedlichsten Tarnlackierungen.

„Das britische Scharfschützengewehr .338 Lapua Magnum ist uns auf größere Entfernung ab 900 Meter leicht überlegen. Die .338 Lapua Magnum Patrone (Kaliber 8,6x70 Millimeter oder auch 8,58x70 Millimeter) ist etwa 93,5 mm lang. Sie erreicht durch ihr hohes Geschossgewicht von 13 bis 19,4 Gramm eine stabilere Flugbahn und ist somit optimal für größere Entfernung. Da kann unsere G22 Winchester Magnum Munition (7,62x67Millimeter) mit einer Patronenlänge von 84,84 Millimeter und 9,72 bis 14,26 Gramm Gewicht nicht wirklich mithalten, sagte der deutsche Teamchef Martin. 

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser

Die Oberstabsgefreiten Benny (25) und Simon (29) bilden unter der Leitung von Martin das deutsche Scharfschützenteam. Während Benny das G22, das G28 und das G36 A3 für die Waffenkontrolle vorbereitet, sortiert Simon die „unbrauchbare“ Munition aus. „Einige Patronen vom Kaliber 7,62x67 Millimeter sind leicht beschädigt und so für mich als Scharfschützen unbrauchbar. Wenn ich diese verwenden würde, käme es eventuell zu einer großen Streuung im Ziel, was für Benny und mich sehr ungünstig wäre“, so der einsatzerfahrene Simon.

Alles anders bei den Briten

Das neben dem in Großbritannien herrschenden Linksverkehr auf der Straße auch die Entfernungsangaben nicht wie gewohnt in Metern und Kilometern, sondern in Yards und Meilen angegeben werden (1 Yard = 0,91 Meter), haben die deutschen Soldaten am eigenen Leibe erfahren können.

Zwei Soldaten beobachten sitzend die Zielscheiben mit einem Fernglas

Treffer oder nicht? Die britischen Kameraden haben die Ziele im Blick

Foto: © Bundeswehr / Marco Dorow

Beim Anschießen der Waffen wurde dem deutschen Scharfschützenteam erläutert, dass die Entfernungsangaben auf der Schießbahn in Metern angezeigt werden, was sich später als kleine Tücke widerspiegelte. Als die beiden Oberstabsgefreiten Simon und Benny ihre Waffen G22, G28 und das G36 A3 anschossen, vermutete der Zugführer, Hauptfeldwebel Martin, das da was nicht stimmen konnte.

Nach einem Informationsaustausch mit dem dänischen Team überprüfte er mit Hilfe seines Laserentfernungsmessgeräts die genaue Entfernung. Dabei stellt sich heraus, dass die angegebenen 500 Meter in Wirklichkeit nur 457Meter waren. „Es spielt schon eine große Rolle auf welche Entfernung man die Waffen anschießt, schließlich muss ich mir meine Visiereinstellungen notieren. Wenn hier die Maßeinheit Yards gilt, muss ich diese erst umrechnen“, sagte Scharfschütze Benny. Anschließend wurden die Waffen von 100 Meter bis 900 Meter in Hundertmeterschritten angeschossen.

Von Null auf Neunhundert

Am nächsten Tag auf der Shooting Range in Warminster: Jetzt wurde es Ernst für die 25 Sniper Teams. Sie mussten auf 400 bis 900 Meter ihr Können zeigen. Es wurden verschiedene Zielscheiben in einer Zeitbegrenzung von bis zu 10 Sekunden aufgeklappt. Doch nicht die Zielschiebe an sich war das eigentliche Ziel, sondern die sich darauf befindliche Trefferzone. Die hatte einen Durchmesser zwischen sieben und 37 Zentimetern. Mit bloßem Auge sind die Ziele in 900 Metern Entfernung nicht zu erkennen, doch die Scharfschützen nutzen ihre optische Visiereinrichtung mit einer bis zu zwölffachen Vergrößerung. Oberstabsgefreiter Benny ist sich seiner Sache sicher: „Das Projektil schlägt in circa einer Sekunde im 900 Meter entfernten Ziel ein“, sagte er.

Glanz bei Dunkelheit

Beim anschließenden Nachtschießen mussten die Sniper Ziele auf 450 und 550 Meter bekämpfen. Auch hier galt es eine Zone von circa 10 Zentimetern Durchmesser auf der Schützenscheibe zu treffen. Bei völliger Dunkelheit waren die Ziele ohne Nachtsichtgerät nicht zu erkennen. Bei den deutschen Scharfschützen Simon und Benny lagen jedoch alle neun Treffer in der besagten Trefferzone. Bei manch anderem Team lief es nicht so gut.

Am Ende des ersten Schießtages sind nicht nur die Schützen selbst, sondern auch der Zugführer mit ihren Leistungen zufrieden. „Habt ihr gut gemacht“, hieß es vom 35jährigen Martin.

Überprüfung von Reaktion und Konzentration

Am darauffolgenden Tag wurde auf der Shooting Range in Bulford im Nahbereich, also von 100 Metern abwärts bis auf 10 Meter, geschossen. Die Lage im ersten Abschnitt: die Sniper werden auf ihrem Weg zurück plötzlich angegriffen, ein sogenannter Urban Contact. Hier mussten Benny und Simon ihre Treffsicherheit mit dem G36 A3 und dem G28 von 100 bis auf 20 Meter und mit der Pistole P8 von 15 bis auf 10 Meter unter Beweis stellen. Diese Aufgabe ist vergleichbar mit einer aus dem Neuen Schießausbildungskonzepts der Bundeswehr.

Dabei mussten sie im ersten sowie im zweiten Abschnitt stehend, stehend angestrichen, kniend freihändig und kniend aufgelegt sowie liegend und sitzend in Anschlag gehen und schießen. Im zweiten Abschnitt wurde mit dem G28 und dem G36 A3 auf Ziele in 400 Metern Entfernung geschossen. Mit einer maximalen Kampfentfernung von 500 Metern beim G36 kam Benny bei dieser Entfernung fast an die Grenzen des Machbaren.

Handicap der gesamten Schießübung war die zeitliche Begrenzung. Zwischen zehn und 25 Sekunden hatten die Sniper Zeit, um die Ziele erfolgreich zu bekämpfen. Wie schon beim Nachtschießen konnten die deutschen Scharfschützen auch an dieser Station überzeugen. Oberstabsgefreiter Simon hatte mit seinem G28 auf 400 Meter sogar die zweithöchste Punktzahl erzielt.

Die Königsdisziplin der Scharfschützen

An einem für sie unbekannten Punkt auf dem Übungsplatz, auch „Drop Off“ genannt, wurden die Sniper Teams abgesetzt. Sie erhielten einen Kartenausschnitt, ein Luftbild vom umliegenden Gelände sowie die Zielkoordinaten und einen vorgeschriebenen Raum in dem sie sich bewegen durften. „Ihr habt zwei Stunden Zeit um eure Feuerstellung zu erreichen und zu beziehen. Danach werde ich zu Euch kommen und Euch die Munition übergeben. Dann habt Ihr drei Schuss, um das Ziel zu bekämpfen“, sagte der Britische Warrant Officer Class 2, Bryan (WO2 – vergleichbar mit dem deutschen Dienstgrad eines Hauptfeldwebels), der das Schießen leitete.

Soldaten liegen getarnt in einem Wald

Suchbild: Der Scharfschützentrupp in seiner Stellung

Foto: ©Bundeswehr / Marco Dorow

Die Oberstabsgefreiten Benny und Simon sind zeitgerecht an der Waldkante im Dickicht untergezogen und haben ihre Feuerstellung ausgebaut. Simon hat das Ziel mit dem Spektiv in 750 Metern Entfernung aufgeklärt. „Benny, 42 Klicks hoch und 3 Klicks links“, sagt er. Benny liegt derweil im Anschlag mit dem G22 und stellt die Klicks an seiner Visiereinrichtung ein. Nach kurzer Wartezeit wurde dann die Munition durch Bryan, den WO2, zugeführt. „Load your weapon“ ordnet er an.

Benny atmet nochmal tief durch als der Feuerbefehl kommt. 30 Sekunden hat er Zeit, um das Ziel in 750 Metern Entfernung zu bekämpfen. Sein Anspruch an sich selbst: „Ich will den Erstschusstreffer.“ Nach etwa acht Sekunden krümmt er ab und das Ziel fällt um. Benny und Simon sind erleichtert. Im Anschluss gab es nicht nur von Simon ein Lob, sondern auch von Bryan. „It was a good shot. You are the greatest “, sagte er.

Alles oder nichts

Am letzten Wettkampftag wurde es noch mal so richtig spannend. Denn 21 von 25 Teams, darunter auch das deutsche, hatten noch die Chance auf den ersten Platz. Bedingung war, bestimmte Ziele zwischen 300 und 500 Metern Entfernung auf einer Freifläche unter Zeitdruck zu treffen. Dabei waren die Hartziele (Stahlplatten) nur 30 mal 30 Zentimeter groß.

Benny und Simon hatten, wie die anderen Sniper auch, fünf Minuten Zeit, um die Entfernung der Ziele auf einer Breite von etwa 150 Metern im Gelände zu ermitteln. Dazu konnten sie nur das optische Visier vom G22 nutzen. Mit einer Formel haben sie die Entfernung errechnet. Dann ging es Schlag auf Schlag. Der Leitende des Schießens sprach bestimmte Ziele in Form von Nummern an, die erst von Benny und im Anschluss von Simon mit dem G22 bekämpft werden mussten. Es durfte nur eine Visiereinstellung für alle Entfernungen eingestellt werden. „Wir sprechen hier vom Kampfvisier, das heißt wir dürfen nur mit dem Haltepunkt zielen und schießen“, sagte Simon.

Hier haben die deutschen Scharfschützen erkennen müssen was sie zu Hause noch trainieren sollten. „Daheim schießen wir auf die üblichen Schützenscheiben. Die Ziele hier sind völlig anders, schwieriger zu bekämpfen, weil diese nur mittig zwischen zwei Holzpflöcken angebracht sind. Das haben wir so noch nicht trainieren können“, sagten die Oberstabsgefreiten. 

20 von den angetretenen 25 Teams waren aus dem britischen Raum. „Wir haben erfahren, dass diese 20 Teams durch diverse Auswahlverfahren auf verschiedensten Einheitsebenen gegangen sind, sie also die Top 20 der British Army darstellen. Auch wenn wir nicht Erster oder Zweiter geworden sind, denke ich, dass mein Scharfschützentrupp auf einem sehr hohen Level ist“, sagte Teamchef Martin. Ferner galt es, die deutsch-britische Heereskooperation weiter zu festigen und diese nach außen zu demonstrieren. „Das ist uns wohl sehr gut gelungen“, stellten Martin, Benny und Simon am Ende des Wettbewerbs übereinstimmend fest.

Sniper Competition 2016